„Kopfkissenschlacht mit einem Sack Nägel“

Ein Beitrag zur Überwachung

Kopfkissenschlacht mit einem Sack Nägel

Von Sönke Busch

Irgendwo bei Bremen, in Nebel und Schatten der Wümme, surrt sich eine Kamera durch den grauen Morgen des Blocklandes. Es gibt nichts zu sehen, rein gar nichts, und die Wachsamkeit fällt der Kamera nicht sehr leicht.

Es ist eine für Kameras katastrophale Stelle, denn, zwar ziehen, huschen, ja konzentrieren sich Menschen des frühen Morgens durchs Blockland, allein jedoch, sie reden nicht, sie tun auch nichts, denn Fuß vor Fuß in Richtung Moor zu wandern. Nichts gibt es zu beobachten, noch weniger zu verraten. Alles ist in den Menschen verborgen, sie helfen der Kamera nicht. Sie geben nichts ab, sie teilen grad nichts, sie sind allein, sie sind nicht zu überwachen.

So ein Anfang wäre möglich für einen Roman, doch derer zum Thema der Überwachung sind beileibe genug geschrieben, Neues gibt es da nicht, lassen wir es sein. Alles das was heut geschieht, stand eh schon in den alten Büchern. Und nein, 1984 war, man gähne doch, ein Roman und keine Betriebsanleitung und Brave New World ist halt so, wie es ist. Und doch: Ein Problem haben alle diese Dystopien. Sie beschreiben den Schrecken von Morgen aus einer inneren Sicht eines todtraurigen Menschen bei schlechtem Wetter. Durchaus möglich ist es aber auch, all dies Düstere durch eine schönere Brille zu sehen. Was, wäre all den Figuren der Dystopien niemals etwas Schlimmes widerfahren! Aber das ist wohl bei vieler zeitgenössischer Kunst so: Fast spannender wäre es, würden die Gewinner nicht nur die große Geschichte, sondern auch die kleinen Geschichten des Alltags schreiben. Ich weiß darum, wie schlimm es sein mag, überwacht und geknechtet zu leben, in ewiglicher Furcht meiner selbst dem Verrat anheim zu geben, die Angst des kleinen Rädchens im übergeilen Getriebe, doch interessanter fände ich ja fast, wäre 1984 nicht von unten, sondern von Oben geschrieben, ginge es doch darum, wie gut es doch Manchen geht. Doch das wäre dann endgültig nicht mehr zu ertragen, gerade für den gerne nickenden Leser, der hinter jedem Zukunftsroman eben diese “Gebrauchsanweisung”, die große Verschwörung vermutet.

Schwer ist Erfolg durch ein Buch leichter zu erlangen als dadurch, dem deutschen Motzbürger die Chance zu schmierigen Empathie zu geben.

Wer gerne etwas gegen Überwachung sagen wollte, der kommt vielleicht weiter, wenn er nicht prophetisch in die Zukunft schweift. Es ist kein Geheimnis, dass es Dinge gibt, die ein kluger Mensch nicht tut, egal was geschieht und gerade in unserer Zeit, ein kluger Mensch sagt zu jeder Zeit: Spionier den Menschen nicht hinterher! Lies nicht den Chat und die SMS deiner Freundin, um alles in der Welt, ließ niemals den Internetverlauf eines Menschen, der dir lieb ist! Schneller ist eine Beziehung nicht zu zerstören. Wenig wird auch wahrgenommen das Geschenk der Lüge, welches durch Überwachung zerstört wird: Ein jeder Mensch mit Verstand sei anderen Menschen dankbar dafür, dass er ihn durch Lüge aus Liebe vor der schlechten Wahrheit schützt!

Doch dumm ist nicht nur in erster Linie der, der Dummes tut. Dumm ist auch und vor allem der, der dummes will. Und derer Dinge, die da dumm sind, sie sind da viele. Seltsam klingt es, aber es gibt oftmals wenige Dinge die so Dumm sind, wie Dinge wissen zu wollen. Viel wurde über die Dummheit jener gesagt, die Nichts mehr wollen, denn über alles informiert zu sein.

Die alten Neuseeländer sagen, wer ruhig schlafen will, der heirate keinen schönen Menschen. So wäre es wohl auch richtig, neuseeländisch wie deutsch, zu sagen: Wer in Ruhe regieren wollte, der regiere kein wissendes Volk. Insofern könnte einer ja schon einmal zum Anfang jedweder Verschwörungstheoretischer Idee widersprechen, denn wie dumm wäre denn ein Staatenherrscher, der nicht in der Lage wäre, seinem Volke eine Wahrheit vor zu enthalten, die sie gerne kennen würde. Fehlende Bildung ist ein Garant für einen ruhigen Regierungsalltag. Interessant dieses Wissen als geheim zu meinen.

Nun schreit natürlich, wie fast immer, irgendeiner: An dieser Stelle lasset uns nun einen Witz hören, denn theoretisch ist das alles nun genug! Und nun gut, so nehmet denn den Witz entgegen: Es ist ein Fragewitz, die Frage laute denn wie folgt: Wie viele Deutsche brauchen wir, um eine Glühbirne zu wechseln? Die lustige Antwort: Wir brauchen hierfür einen Deutschen.

Hier ein ganz anderer Gedanke. Stellen sie sich eine Welt ohne eine gemessene Zeit vor. Wir alle wissen genau, welches Jahr, welcher Tag, welche Stunde, Minute, ja Sekunde ist. Erfrischend, ja, wie ein verrückter Filou erscheint der Mensch, der fragt, welch Zeit denn grade herrscht, bei der Frage nach Sekund wirkt er noch wie ein Pedant, bei Minute normal, bei Stunde verwirrt, bei Tag Wagemutig, bei der Frage nach dem Jahr verrückt.

Wenn wir uns im unaufhaltsamen Strom der BigData befinden, müssen wir uns vielleicht andere Wege suchen, als immer nur die Möglichkeit des Fortschritts, um den Fortschritt zu bremsen. Dies wird nur schwer möglich sein, die Zeit ist nun mal ein Zug, mit dem wir gemeinsam durch die Geschichte Reisen. Doch lustig ist es, die grundlegenden Werkzeuge der Quantifizierung zu negieren. Schön der Mensch, der nicht in Metern misst, sondern in irgendwas, dass er sich selbst erdachte. Maßeinheiten ändern sich, nur noch kaum verbreitet ist das Wissen, das der “Moment” im Mittelalter eine Einheit war, welche ziemlich klar neunzig Sekunden definierte. Doch da schrie noch die Bevölkerung “ Neunzig SeWAAAS?”.

Der Aufstand gegen den Überwachungswahn braucht andere Waffen, Waffen außerhalb des Systems. Aktionen, die sich eben der Logik dieser neuen Welt entziehen. Vorsätzliche Dummheit und Naivität können eine dieser Chancen sein. Etwas nicht zu verstehen ist eine starke Waffe gegen die, die der Meinung sind, die Welt kategorisierbar und direkt verständlich zu machen.

Wer sich der Verwertungslogik entzieht, macht die eigene Überwachung nahezu unmöglich, weil er den Parameter der Logarithmen ein Schnippchen schlägt. Natürlich kann ein elektronisches System ohne Probleme aufgrund von Datensammlung errechnen, was ein Mensch im Grossen und Ganzen getan hat und noch tun wird. Was es jedoch nicht kann, ist auf einer tieferen Ebene zu erklären, warum Dinge getan werden. Wer den Menschen als stark und als ein Wesen begreift, welches in größten Teilen innerhalb einer Logik handelt, die mathematisch nicht zu erklären ist, hat gute Chancen, nicht endgültig zu verzweifeln. Ja, da gibt es sogar Hoffnung, im besten Sinne. Die Gedanken sind, na sie wissen schon, weiß ja jeder und mit viel Glück kann ein anderer Mensch sie erraten, doch berechnen, berechnen kann sie keiner. Das ist doch ein Trost, ein schöner eigentlich. Es wird sie geben, die Emanzipation von der Überwachung.

Angst wird dabei nicht die entscheidende Emotion sein, wohl wird die Verurteilung eher aus Richtung der Genervtheit kommen oder noch viel schöner: Der Langeweile. Wenn ein Mensch mittelviel Geld hat, mittelviel kriminelle und politische Energie, wenn er ein mittelmäßiges Leben hat, welches durch Verpflichtungen und Angst vor Wandel keine Möglichkeit auf unkontrollierte Änderung hat, wer sollte dann noch an einer Kontrolle interessiert sein. Es gibt zwei Wege aus der Überwachung, entweder dass volle Untertauchen durch Versteckung der eigenen Person oder die eigene Unsichtbarmachung durch ständige Präsenz ohne irgendeine Auffälligkeit.

Überwachung hat ja emotional nicht nur negative Seiten. Sie ist auch eine warme Decke, die ein jeder um sich trägt, wie eingemummelt von Mamas dicken Händen. Irgendwann wird das Verlangen nach dieser Decke aufhören. Versprochen. Machen sie sich kleine Sorgen. Es gibt schlimmeres, als jemand, der sich in schnellen und unpersönlichen Zeiten für alles interessiert, was man tut. Manchmal ist Kapitulation für einen Moment nichts schlechtes, wenn auch nur als kleine Finte, als Deckblatt für die eigentlich wichtigen Dinge, die im inneren von Mensch und Gesellschaft entstehen: Der Aufmerksamkeit, dass es so nicht weitergehen kann, dass es Pläne außerhalb der Norm braucht, Pläne der Schönheit, die in keiner Art und Weise mit den bestehenden Umständen Konform sind. Pläne die wirklich weh tun, weil sie das Gegenteil von dem sind, für das Überwachung steht: Gemütlichkeit und kontrollierten Stillstand.

Und so surrt sie vor sich hin, die Kamera im Blockland, zeichnet sie auf, die Menschen die Dinge tun und doch nicht verraten, wofür sie tun, was sie tun. Sie zeichnet die Dinge auf, die sie sehen soll. Das Äußere. Und doch hat sie keine Ahnung. Der Mensch wird tun, was für den Menschen richtig und wichtig ist. In einem Rahmen, der zu groß ist, als dass ihn ein Computer je erfassen könnte.

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