Der Plan – Die Rede

Der Plan

Der Plan

Die Rede

 

Guten Abend, sehr verehrte Gäste, liebe Freunde, Bremer.

Schön ist es hier zu sein, wenn auch vielleicht ein bisschen auf der falschen Seite der Weser, aber wir wollen uns heute nicht mit kleinen Revierstreitigkeiten aufhalten.

Ich sitze hier auf einem riesigen Stuhl. Und alles, was ich dazu sagen kann ist: Ich weiss auch nicht wieso. Es muss schon zwei Jahre her sein, dass plötzlich diese Idee kam, und wie es manchmal so ist, der Sinn einer Idee erschliesst sich erst im nachhinein. Darauf habe ich zumindest immer vertraut. Nun sitz ich hier, und es fühlt sich sehr gut an, wenn ich so über die Weser schaue und uns so ansehe.

Es hat immer etwas gutes, ein wenig Abstand zu gewinnen und sich einen Überblick zu verschaffen. Und, wenn ich so von hier aus aufs Viertel schaue, dann fallen mir Geschichten ein, die ich schon lange vergessen hatte.

Dieses allererste Mal, als ich an den Wiesen, auf den ihr jetzt sitzt, die Sonne hab aufgehen sehen, ohne geschlafen zu haben. Betrunken da zu liegen und zu merken, dass wirklich gerade alles gut ist.

Ein glücklicher Teenager, aus dem die Sonne scheint.

Heute, wenn ich so die Weser hinunter schaue, dann denk ich mir manchmal, ich denke gerade garnicht. Das gefällt mir sehr gut. Ich mag diese kleinen Momente an denen ich nicht ans Denken denke. Wo es einfach schön ist. Diese Momente sind rar. Und vielleicht sehr kostbar. Das Verhältniss von Schönheit zu Denken ist ein ganz einfaches. Entweder, oder. Es gibt wenig Schönheit die anhält, wenn ich mir denke: “Warum ist das so schön?”

Ich weiss noch, als ich mit 16 da drüben sass, wo ihr jetzt sitzt, die Sonne langsam aufging und ich zum ersten mal das Gefühl hatte, das mein wirklich eigenes Leben jetzt langsam beginnt.

Wie ich mich umschaute und alle plötzlich schwiegen, weil Reden gerade einfach nicht in den Moment passte.

Dieser kurze Moment zwischen dem Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können und dem Wissen, wie anstrengend das sein wird.

Happy Days, als das verliebt sein noch keine Funktion war, welche automatisch zu Kindern und Alltag führte, sondern nur ein Moment der Leichtigkeit und des Unwissens. Unendlich war das alles, im Sommer 96, da drüben auf der Wiese. Als die Sonne aufging. Und alles war wie Nichts.

Heute sitz ich hier, auf der anderen Seite und die Sonne senkt sich langsam. Und in diesem Moment, auf diesem Stuhl, ist es wieder ein bisschen so wie früher. Ich weiss nicht im geringsten, warum ich auf einem riesigen Stuhl sitze. Ich weiss nicht, warum ich so unglaublich laut bin. Es ist wie früher, als sich keiner von uns fragte, warum wir jung sein durften, wer uns erlaubte so federleicht auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu schauen, wie in die Augen eines lieben Menschen, der einem gerade ein gutes Leben verspricht.

Wer hat uns das erlaubt. Was hat uns bloss so ruiniert?

Manchmal, wenn ich den Sielwall herunter zum Eck gehe, seh ich die Teens die kichern. Einfach so. Manchmal passiert es noch, dieses kleine Kichern, welches sich auswächst zu einem Lachen und wieder zu einem Kichern wird, wieder an schwillt, wenn das Kichern zu lustig ist und wieder zum Lachen wird, zum Kichern, wieder zum Lachen, bis wir mit schmerzendem Bauch hier am Deich sitzen, und nicht wissen wieso.

Das ist das Beste. Absoluter Kontrollverlust durch lachen. Absolut unberechenbar. Und nur dadurch so schön.

Und warum scheint es jetzt im Alltag so verboten, Quatsch zu machen, ohne ihn erklären zu müssen. Immer öfter, beim Abwaschen, beim Wäsche aufhängen, wenn ich verrückte Dinge tue, wie etwa Äpfel in den Gurkensalat zu schneiden, immer öfter erwische ich mich dabei, mir zu denken: “Wow, das machst du wie so ein Erwachsener!”

Dann lächel ich kurz, und dann,  dann folgt oft dieser Moment, dieser winzig kleine Moment, wenn ganz, ganz langsam, die Mundwinkel wieder herab sinken und sich es sich in ihren Alltagspositionen wieder gemütlich machen.

Sie sind seltener geworden, die Momente des scheinbar sinnlosen Lächelns. Des staunenden Lächelns, weil alles auf der Welt, und ich meine wirklich alles, so verdammt erstaunlich ist. Es gibt die Tage, an denen ich vor irgend einer Ecke am Eck stehe, einer Ecke, an der ich schon tausend Tage, tausend Mal vorbei gelaufen bin, und dann, ganz plötzlich, schaue ich sie mir an. Ganz genau. Eine kleine, siffige Ecke, irgendwo, unterhalb einer Stufe vor Torno, Arabic oder dem Hot Dog Laden, eine Ecke, in der sich Dreck sammelt. Irgendwo, zwischen Stufe, Wand und Gehweg. Eine Ecke, in der sich der Dreck sammelt, der Dreck, den wir alle hinterlassen. Immer und überall wo wir sind.

Da steh ich dann, vor dieser kleinen, ranzigen Ecke und bin erstaunt, das der Staub, der Dreck, ein Überrest, von allen die ich kenne, wie eine Staubschicht aus kleinen Geschichten da in die Ecke gedrückt ist.

Und wenn ich dann aufschaue, mir die Hauptstrassen dieser Stadt anschaue, dann fällt mir auf: Die Ecken verschwinden. Da wo früher noch Eingänge waren, kleine Treppen, Winkel die zu Geschäften führten, entsteht hinter Glas gepferchte Verkaufsfläche. Der Schmutz der Stadt sammelt sich in der feinen Linie zwischen den Glasfronten der Läden und Flüsterasphalt. Und die Linien der Glasfronten nähern sich immer weiter an, leise schleichen sie auf eine Höhe. Langsam macht es keinen Sinn mehr, überhaupt noch unterschiedliche Fronten zu haben, bald schon, ist es nur noch eine riesige Scheibe, die sich, von Strassen unterbrochen, von St. Jürgen Strasse bis City zieht. Dann, eines Tages, wird ein Menschen einen Schritt zurück treten, einen Finger auf diese riesige Scheibe legen und mit Wischbewegungen überprüfen, ob das Ding beginnt zu scrollen. Ob das noch seine Stadt ist, oder nicht doch plötzlich nur noch ein riesiges Ipad.

Ich mag diesen kleinen Dreck. Diese Spuren, die wir alle nach uns ziehen, ob wir wollen oder nicht. Ich mag die kleinen gesprühten Namen an den Wänden dieser Stadt lieber, als das nächste flashige Wandbild.

Ich mag diesen kleinen Teil von uns, den wir alle hinterlassen, egal, wie sehr wir hinter uns her putzen. Jeder kleine Schmutz, jeder kleine Fehler, den wir machen, tätowiert unseren Orten unseren Namen auf die Brust.

Wie ein Kind, das in einem septisch glatt geschrubbten Haushalt aufwächst, allergisch auf seine Umwelt reagiert, reagieren wir allergisch auf diesen Schmutz, auf diesen Teil von uns, der nicht zu kontrollieren ist. Der Schmutz den wir mit jedem Alltag hinterlassen. Der Schmutz, der sich in Ecken sammelt, dieser Schmutz ist unsere Geschichte. Die Geschichte die wir erzählen. Ob wir wollen oder nicht. Mit jedem Schritt. Mit jedem Augenschlag. Mit jedem Wort. Ob wir wollen oder nicht ist dies die Geschichte dieser Stadt.

Es hat lange gedauert, all das Wert schätzen zu können, was hier geschieht. Es gibt in dieser Stadt dieses Gefühl, das alles zu klein ist. Viel zu klein. So viele kennen die Sehnsucht diese Stadt verlassen zu wollen, das gleiche Gefühl, das jeden von uns eines Tages beschleicht, irgend eines spätjugendlichen Morgens im Jugendzimmer bei Mama oder Papa. Die sanfte Schlinge um unseren Hals. Und plötzlich ruft sie, die weite Welt. Oder besser, sie pfeift auf den Fingern, so wie ein Frauchen ihren Hund zu sich ruft.

Als ich zwanzig war, gab es nichts schlimmeres, als die immer gleichen Strassen dieser Stadt, immer der gleiche Weg nach Hause, vom Viertel ins kleine Hastedt. Immer vorbei an den gleichen Häusern, den gleichen Gehsteigen. Es ist schwer, Veränderung im Kleinen zu sehen, wenn man mit den Füßen scharrt und heiß auf die Welt ist, weil da alles andere ist. Aber das ist es nicht.

Jede Strasse wird langweilig, wenn man sie immer mit den gleichen Augen sieht. Und es braucht lange zu merken, dass eben das der grösste Teil von Zuhause ist. Heimat ist da, wo einen sein Supermarkt nervt.

Aber ein paar Jahre später merke ich: Für mich, ist das die eigentliche Schönheit. Die Schönheit, die manchmal der Routine innewohnt.

Die den Dingen innewohnt, die aus Gewohnheit passieren, den Dingen, die nicht mehr absichtlich durchdacht sind. Das ist eine Schönheit, die allem Undurchdachten innewohnt. All das Kleine, Undurchdachte, Unberechtigte, alles das Ungeplante, all die Momente des Unwichtigen, die wir nicht planen und bemerken. Sie sind die wahre Geschichte. Die Geschichte eines jeden einzelnen. Unsere Geschichte außerhalb des Blockbusters. Abseits des designten Perfekten. Die unbeobachteten Momente, welche wir, aus irgendwelchen Gründen, nicht mehr zu teilen bereit sind. Obwohl sie das Einzige sind, was uns interessant macht. Die unbeobachteten Momente. Unser Geheimnis, welches uns eigentlich erst zu etwas macht, das überhaupt zur Liebe fähig ist. Es ist nicht möglich, etwas zu wirklich zu mögen, dass nur gemocht werden will. Es gibt eine kleine Welt, die unter den Dingen liegt, die wir mit Absicht tun, um damit etwas zu bezwecken.

Eine Ebene ausserhalb des Nutzens. Ausserhalb des Zwecks. Eine Ebene, die vielleicht Quatsch heisst. Oder Unsinn, Schwachsinn, Blödsinn, Wahnsinn. Dabei sind das alles nur Wörter, die etwas umschreiben: Das Handeln ohne Berechnung. Das Handeln, ohne die Folgen ab zu schätzen. Schön ist es, nicht zu wissen, warum, aber plötzlich zu merken, dass es das richtige war.

Und wenn ich das noch einmal sagen darf: Ich liebe es tatsächlich, gerade hier auf diesem Stuhl zu sitzen. Ich bin aber auch überaus erstaunt, wieviele Menschen sich bereit erklären, sich für etwas dermaßen seltsames wie “Die lauteste Rede der Welt” zu interessieren, wo es doch vollkommen egal ist, in welcher Lautstärke ein Mensch sich äussert.

Jedes leise “Guten Morgen” unter der leicht verkaterten Bettdecke eines Sonntag morgens ist wichtiger, als ein Schreihals der 120 Meter Entfernung.

Es ist schon spannend zu sehen, wie schnell wir den Wechsel von Intensität zu Lautstärke vollzogen haben. Laut schlägt schön und alle schauen zu. Wer laut ist, scheint recht zu haben. Was für ein Unsinn.

Liebe Anwesende vom Guiness Book der Weltrekorde, schreiben sie mit: hier ein zweiter Rekord: Das hier ist das lauteste “Ich liebe Dich” aller Zeiten. Ich bezweifle aber, dass mich deswegen jetzt jemand mehr liebt.

Ich will dass meine wichtigen Dinge leise sind und für das leise sein ist diese Stadt genau die Richtige. Warum auch immer. Ich mag das Grundsummen dieser Stadt. Den kleinen Schmutz für die Ohren, das Gebrabbel im Supermarkt, das Klickern des Leerlaufs der Fahrräder, das seichte Knallen von Haustüren, das verstrahlte Schlurfen der Sneaker am Samstag morgen.

Es bestände durchaus die Möglickeit, einmal stehen zu bleiben, um genau zu zu hören, wie die Stadt eigentlich so aus sich selber heraus klingt, welchen Soundtrack sie eigentlich dem zur Verfügung stellt, der sich die Zeit nimmt, ihr zu zu hören. Ich versuche das manchmal, aber wenn ich stehen bleibe, und drei Minuten zuhöre, drängt es mich irgend etwas, weiter zu gehen, irgendwas zu tun, irgendwie nützlich zu sein, irgend etwas zu verwerten, mich selbst, die Anderen, die Dinge um mich herum.

Kurz: Mich trifft die Angst, unnütz zu sein. Mich treibt das Verlangen, nicht unnütz zu sein. Von diesem Gefühl wird mir schlecht. Richtig schlecht. Plötzlich, für einen kurzen schmerzhaften Moment, fühle ich mich vollkommen wehrlos. Es überkommt mich, wie einen Schock.

Dabei gibt überhaupt keine realle Bedrohung. Ich weiß, dass mein Leben nicht ins Bodenlose stürzen wird. Dass da immer ein Netz ist, das mich auffängt. Und trotzdem, mir wird manchmal schlecht, wenn ich ans Morgen denke. Wenn ich daran denke, unnütz zu sein. Wenn ich daran denke, wo ich das Geld her bekomme, um es weiter zu geben, damit Menschen nicht wütend auf mich werden.

Dann, ganz plötzlich, bin ich zerfressen von Existenzangst. Einer grundsätzlichen Angst, etwas verlieren zu können. Das Verrückte ist, diese kalte Angst vor dem Verlust, ist viel schlimmer als der Verlust selbst.

Das letzte mal, als mir ein tanzender Dieb am Ziegenmarkt hier im Viertel das Handy klaute, wartete ich auf den Moment, dass mich das aufregen oder wenigsten traurig machen würde. Und ich war kurz aufgeregt und traurig. Aber nur, weil ich dachte, dass es die richtige Reaktion wäre. Aber die eigentlich Tatsache, dass dieses Stück Telefon nicht mehr da war, war mir nicht nur egal. Sie war sogar befreiend. Nicht weil das Telefon an sich schlecht wäre. Sondern weil es mir so wichtig ist.

Aber dann, plötzlich, als die erste absichtliche Aufregung verflogen war: Nichts. Nicht mal nur das. Erleichterung machte sich breit, gefolgt von Fröhlichkeit. Nicht ein schlechtes Gefühl war in diesem Verlust. Vielleicht sollte ich vorsätzlich mehr Dinge verlieren. Mit dem Portemonaille in der Jackentasche 5 mal über den Freimarkt, bis es weg ist, und dann erleichtert nach Hause gehen kann.

Es ist schon seltsam. Ich weiß, dass alles was ich besitze und miete mich vollkommen verrückt macht. Der Genuss ist im Vergleich zur Angst, es zu verlieren, ein schlechter Witz. Ich hätte lieber zehn Vogelspinnen im Schlafzimmer als die laufenden Kosten am Monatsende.

Das klingt alles nach einem Fall für den Psychologen aber ich fühle mich in dieser Angst in hervorragender Gesellschaft. Oder auch: Ich kenne kaum noch einen Menschen, der freudestrahlend davon erzählt, wie herrlich er seinen Ruhestand geniessen kann. Ich kenne ja fast niemanden der lächelt, wenn ich frage, was er in zwei Jahren tun wird. Ganz herrlich wird von Freiheit geschwärmt, von den Möglichkeiten der Flexibilität. Am allermeisten von mir.

Aber doch, hinter vorgehaltener Hand, regiert diese Angst im großen Ausmaß. Wenn so viele Menschen Angst haben, ist es dann noch angemessen von einer Angststörung zu sprechen?

Angst ist der natürliche Gegner von Zufriedenheit. Angst ohne die Aussicht auf Auflösung ist der grosse Gegenpol zur Schönheit des Moments. Ich will nicht voller Angst die Sonne am Osterdeich aufgehen sehen. Das einzige, dass dieses innere Jucken vor der Zukunft besiegen kann, ist irgend eine Form von Idee, an der es sich fest zu halten gilt.

Nennen wir es Natur oder Gott oder Allah oder Jahwe, Familie oder Freunde. Irgendetwas, dass sich jeder einzelne ausgedacht hat, während wir mit dieser kleinen blauen Kugel, auf der wir sitzen durchs Weltall knallen.

Ich habe da den Verdacht, dass es irgendeinen Plan gibt. Keinen Plan, den irgendwer aufschreiben oder verstehen kann. Irgendetwas mathematisches, das kompliziert ist. So kompliziert, dass sich die Menschheit fühlt, wie ich in der sechsten Stunde Mathe und ich hab die Hausaufgaben nicht kapiert.

Es gab diese Stunden, im Sommer, als die Sonne in mein Klassenzimmer schien und ich einfach nicht mehr geantwortet habe, wenn der Lehrer mal wieder was von mir wollte. Die Sonne schien ins Fenster und Herr Sonntag schrie mich an, dass es das für mich wäre. Keine Versetzung. Kein Abitur. Keine Weiterverwertung im akademischen Apparat. Und dann plötzlich, machte es “Klick”. Ich hab aufgegeben. Die Sonne schien ins Fenster und da war für einen Moment nichts mehr, vor dem ich Angst haben könnte.

Meine Kapitulation.

Es war herrlich.

Und heute, wenn da ein Problem auf mich wartet, versuche ich manchmal das Gleiche. Ich halte den Mund und schaue aus dem Fenster in die Sonne und warte auf meine Kapitulation und darauf, dass wieder alles an mir vorbei zieht. Aber es zieht nicht. Egal, wie lange ich nichts tue. Mir fehlt der Morgen, da am Osterdeich, ohne geschlafen zu haben. Und das Gefühl, dass alles möglich ist. Aber das ist wohl erwachsen sein.

Cola wurde Bier, Fahrräder wurden Autos, Küsse wurden Sex. Ich weiss noch, Papas Schultern waren die Gipfel des Himalaya, Mama war der grösste Held der Welt, das Schlimmste was passieren konnte war ein gebrochener Arm und jeder Abschied war immer nur ein “Bis Später”. Und das Beste, was mir einfiel war es, erwachsen zu werden.

Wie blöd kann ein einzelner Mensch eigentlich sein?

Aber diese Momente der Kapitulation vor dem Leben dauern nur einen Augenblick an, immer so lange bist ich mir die anderen Erwachsenen um mich herum anschaue und mir einer Sache bewusst werde: Die tun auch alle nur so. Irgendwo her kommt der Gedanke, dass es der Plan des Lebens ist, erwachsen zu werden.

Ich werde das nicht glauben.

Kein Mensch ist so erwachsen wie er tut. Es ist nur der Versuch bei den Erwachsenen mit zu spielen, bis es irgendwann kein Spiel mehr ist. Wer einen alten Menschen fragt wie lang sein Leben war, kriegt zur Antwort: Die ersten achtzehn Jahre waren genau so lang wie der Rest.

Ich lass mir nicht von einem Spiel das Leben verkürzen.

Wenn ich am Osterdeich sitze und mir einen Schreihals auf der anderen Seite anschaue, schaue ich zur Seite, schaue mir die Menschen an und denke mir, die tun auch alle nur so, als hätten sie einen Plan von dem, was sie tun. Das ist wohl das Erwachsen sein, von dem alle sprechen.

Aber das hier ist Bremen, das hier ist meine Stadt, und ich muss an Willehad Eilers denken, wie er vor vielen Jahren zu mir sagte: “Lass die Welt die Bühne sein, und Bremen den Backstageraum.”

Und dann ist es wirklich für einen Moment wie eine Party, wenn die Tür hinter einem zufällt und nur noch die dumpfen Schläge des Basses ans Ohr dringen. Und da, hinter der Bühne, sitzen alle die ich jemals kannte. Und dann, denke ich mir, dass ist es jetzt. Das ist der Moment vom Osterdeich. Und in meinem Kopf ist ein Satz, den Michel Houellebecq einmal sagte: “In der Mitte der Zeit, besteht die Möglichkeit einer Insel.”

Die Frage bleibt, woraus diese Insel gemacht ist und welchen Sinn sie hat. Wenn ich hier so sitze und auf die Stadt schaue, dann wünsche ich mir, das genau dieses Jetzt der Sinn ist.

Und, dass es vielleicht noch einen zweiten Sinn für diesen Moment auf diesem Stuhl gibt:

Laut Danke zu sagen, an meine Menschen der Vergangenheit und meinen Leuten der Zukunft. An meine mutigen Eltern, an meine grosse Familie, an meine tollkühnen Freunde, meine kleine Stadt.

An, alle die es sich noch trauen, bis zum zu Ende laut zu lachen.

Danke dafür, dass ihr da seid. Und dass ich mir sicher sein kann, das genau das der Plan war.

Bis später.

Ich seh euch auf der anderen Seite.

Danke sehr.

 

 

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2 Kommentare

  1. Sönke! Danke für diese großartige Rede. Gut, dass sie laut war. Deine Worte haben mich im Viertel erreicht und zum Osterdeich geführt. Vieles ist eindringlich und jetzt gut gehüteter Inhalt in meinem Kopf. Gib uns gerne beizeiten mehr davon.

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