Sarolta-Ban

Sehr geehrte Mitschaffende, liebe Freunde, Herr Bürgermeister

 

“Herr Busch, erklären sie doch mal einen Witz”

Ich wurde gebeten bei dieser guten Veranstaltung mit ihren schönen Gästen etwas zu erzählen.

Diese Anfragen sind mir immer etwas Schönes. Denn oft sitze ich dann auf meinem lustigen Stühlchen am Schreibtisch und denke mir, haha.

Wenn einer fragt “Herr Busch, was denken sie?”, dann denke ich an einen Sonntag Abend. Ich denke daran, wie ich schweigend und eigentlich ganz glücklich auf dem Sofa sitze. Neben mir sitzt meine Lebenspartnerin. Ich denke an nichts böses, und plötzlich fällt der Satz:

„Und? Woran denkst du, Schatz?“

Wuff. könnte sich da einer denken. Was ne Frage. Kann man da überhaupt einfach so antworten?

„Schau, Schatz, wenn sich Sicherheitschiefcommander Wolf von der USS Enterprise NCC-1701-D und Adolf Hitler küssen würden, würden sich ihre Bärte nicht berühren. Das wäre für beide schön, denn für eine offen ausgelebte Liebe zum gleichen Geschlecht waren beide nie Stark genug“.

Sollte ich so etwas abends auf der Couch sagen um den sonntäglichen Frieden zu stören? Humor hätte es ja. Klug wäre es nicht.

Etwas besinnliches, typisch nach dem Tatort deutsches sollte gesagt werden.

Dann sagt man lieber: „Mein Schatz, Ich könnte morgen eigentlich mal wieder meine leckere Lasagne für uns kochen und ausserdem denke ich über die Zukunft nach, und darüber, was für eine perfekte Mutter du für unsere Kinder Maximilian und Emma sein wirst, in dem Nest mit schallsicherem Keller, welches ich für unsere kleine Familie bauen werde.”

Im Bezug auf Kreativität gibt es wohl keinen besseren Lehrmeister als die gute alte Alltagslüge.

Wenn ich nun auf dieser Veranstaltung gefragt werde: „Herr Busch, was denken sie?“ dann überlege ich, was könnte denn mal interessieren? Ich kann ja wohl kaum erzählen einfach nur erzählen, was ich gerade so denke.

Wer einmal den Film “Was Frauen wollen” mit Mel Gibson gesehen hat, sollte wissen, das ein pornografischer dritter Weltkrieg ausbrechen würde, könnte man all die ehrlichen Gedanken von kreativen Männers hören.

Also lieber zu etwas ganz anderem:

Da wir uns hier in einem Umfeld der nun einmal Kreativen befinden, wäre Kreativität wohl ein Feld, welches man einmal mit Worten beackern könnte. Nicht nur, weil das Wort “Kreativität” in aller Munde ist wie Latte Macciato im Prenzlauer Berg oder im Viertel, in dem die bremer Kreative sehnsüchtig auf ihre Gentrifizierung wartet.

Zum Thema Kreativität könnte man sagen:

“Kreativität? Mit der Kreativiät ist es so: Hat man, oder hat man nicht. Bedank dich bei deinen Eltern.”

Kreativität zu erklären, dass ist wie einen Witz zu erklären.

Noch viel schlimmer. Der Versuch Kreativität zu erklären, er widerspricht der ganzen Idee von Kreativität an sich. Denn entweder sie ist da, oder sie ist es halt nicht. Aber, sie ist kaum erzwingbar.

Sie zu erklären ist wie der Versuch sich zu verlieben, weil man sich umbedingt verlieben möchte. Bedürftigkeit und Druck verhindern jedes Verlieben. Jede Lockerheit. Jede Leichtigkeit.

Wir alle kennen die Momente, in denen Ideen gefragt sind. Irgendwo, im Meeting, wo irgendeinem auffällt, nu aber! Gute ideen her! Holen sie geschwind einen Kreativen herbei!

Dann wird Stundenlang gegrübelt und am Schluss vergessen alle was sie eigentlich wollten, man macht ein bisschen skandinavisches Minimaldesign auf die Homepage und baut einen Gefällt-mir-Button ein.

Nun ist das Thema heute „Kreativität und Humor“. In der Ankündigung für den heutigen Abend steht geschrieben:

„Passen Kreativwirtschaft und Humor zusammen? Kann man ernstgenommen werden und trotzdem witzig sein?“

Nun findet hier schon die erste Verwechslung statt. Humor und Witz sind nicht das Gleiche. Überhaupt nicht. So richtig ganz und gar nicht. Vielmehr ist es so, dass Humor und Witz meist das exakte Gegenteil voneinander dar stellen.

Humor ist der Inhalt. Witz ist die Form. Und hier muss unterschieden werden, vor allem bei denen, die ein Verlangen nach dem Kreativen, nach dem Schöpferischen hegen.

In Humor und Kreativität darf Form nie vor dem Inhalt geschehen. Das ist das Grundsätzliche. Der Inhalt der Dinge ist es, welcher die Form vor geben muss. Form ist nur die Oberfläche, die den Inhalt begrenzt.

Witz ist die Form die den Humor begrenzt! Projekt ist die Form die die Kreativität begrenzt.

So ist der Witz immer der Wirkung unter geordnet. Ein Witz wird erzählt, um eine möglichst grosse plötzliche Wirkung zu erzielen. Ein Witz ist nur allzu oft eine Waffe. Witze unter Männern werden fast ausschliesslich dazu benutzt, den Stand in der Gruppe zu definieren. Er soll verletzen und die Rangordnung in der Gruppe fest legen. Witz ist Wettbewerb. Witz ist immer auf Wirkung ausgelegt.

Anders der Humor. Humor ist eine Art und Weise zu leben. Humor ist eine Idee, sein Leben unterhaltsam zu führen. Wer macht schon alleine Witze?

Aber wer wollte alleine ohne seinen Humor leben.

Früher sagte man, der Gentleman legt sich auch alleine im Dunkel die Hand beim Niesen vor den Mund. Ebenso verhält es sich beim Menschen mit Humor. Humor entfaltet seine Wirkung auch in der Einsamkeit. Denn er wirkt nach innen. Er zielt auf den Geist, nicht auf die Umwelt.

Humor ist die Fähigkeit Dinge in einen anderen Zusammenhang zu setzen. Humor ist Dialektik. Und dadurch ist Humor die Fähigkeit, zu überraschen. Humor ist eine Art, die Welt zu sehen. Humor ist Inhalt, nicht Form.

Es ist eine Erleichterung und ein Zeichen eines schönen und weisen Geistes, auch auf einem Begräbniss den Humor nicht zu verlieren. Es ist hingegen ein Zeichen von Klotztum, auf einer Hinrichtung Witze zu reissen. Nicht umsonst heisst es Galgenhumor, nicht Galgenwitz.

In Kontaktanzeigen wird nach Menschen mit Humor gesucht, nicht nach Typen, die immer Witze reissen.

Humor ist die Werft, auf der ein witziges schiff gebaut werden kann.

Was hat das nun mit Kreativität zu tun?

Gute Kreativität muss sich verhalten wie Humor. Niemals wie Witz. Gute Ideen vorsätzlich und aus dem Stehgreif zu verlangen, ist das gleiche wie jemandem den Ellebogen in die Seite zu rammen und zu sagen: „Ey, erzähl mal n Witz.“

Witz ist für den Humor das, was Projekt für Kreativität ist.

Kreativität ist Humor. Beim gutem Schöpfen, bei guten Werken, ganz egal ob in Kunst, Design, Wissenschaft oder Wirtschaft, geht es um den Inhalt. Das ist Nachhaltigkeit. Inhalt ist Nachhaltigkeit. Projekt ist Oberfläche. Kreativität ist Inhalt.

Nur zehn Prozent aller Lacher sind folge eines tatsächlichen Witzes.

Und nur zehn Prozent der so genannten kreativen Produktion dieses Landes sind Ausdruck einer wirklich guten Idee.

Kreativität ist kein angeborenes Talent. Sie ist eine erlernte Art zu handeln und Probleme zu beseitigen.

Auch hier gleichen sich Humor und Kreativität. Sie sind psychologische Fähigkeiten mit sich selbst, mit seinen Gefühlen konstruktiv um zu gehen.

Humor und Kreativität sind Stimmungen, und Kreativ und Humorvoll ist ein Mensch, der weiss, wie er sich in diese Stimmung versetzen kann. Diese Stimmung ist nichts neu erfundenes, sie ist interessanterweise eine Rückbesinnung auf das Kind in sich selbst.

Sie sind eine Form der Offenheit, die nicht allzu selten auf Unwissen, auf Naivität beruht. Unwissenheit und Offenheit, das sind beiden Grundbedingungen für Kreativität. Erlernte Naivität.

“Alle sagten es geht nicht, bis einer kam, der das nicht wusste, und es einfach tat.”

Verbohrt und vorurteilsbehaftet kam noch keine gute Idee zu stande.

Es geht also um Offenheit. Um eine offene Geisteshaltung. Darum neues zu zu lassen.

Und deswegen auch um Mut.

Und um das Vertrauen in seine eigenen Entscheidungen.

“Kunst ist nicht die Wahrheit, Kunst ist eine Lüge, die uns hilft, die Wahrheit zu sehen.” hat der olle Picasso gesagt. Und nicht anders verhält es sich mit dem, was wir, die wir hier im Raum sind, tun. Unsere Produkte sind meist Lügen. Gut gemeinte Lügen.

Lügen mit einer guten Funktion: Menschen und ihr Leben zu verändern.

Und das aus der Unbeschwertheit eines Kindes. Aus der Unbeschwertheit der Kreativität.

Hier treffen wir auf eine Paradoxie. Wie soll man denn Kind bleiben, wenn lernen spass macht, und man sich deswegen Dinge merkt, die der Naivität schaden?

Genau deswegen kommt hier eine Funktion des menschlichen Geistes zu Tage, die allgemein eher abgelehnt wird. Nämlich das Vergessen.

Alles muss vergessen werden, damit es in den Stil, die wahre Kreativität eines Menschen, Einzug halten kann. Denn unterbewusst muss entschieden werden, was gefällt und was nicht. Systematische Analyse ist ein Feind der Kreativität, wie sowieso bewusstes Denken und Entscheiden nicht hilfreich ist, wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln.

Kreativität braucht Vertrauen in sich Selbst. Selbstbewusstsein, abseits von ökonomischen Verwertungsstrategien. Kurz: Sie braucht Quatsch.

Einen riesigen Haufen von Quatsch.

Ein Bildhauer sagt, eine Pferdeskulptur würde entstehen, indem man einen Klotz Stein nimmt und den ganzen Müll weghaut, der nicht wie ein Pferd aus sieht.

So sollte jeder vor seinem riesigen Haufen Quatsch stehen, und verschwitzt alles weg hauen, was gerade nicht zum Thema passt. Keine Angst, Quatsch wächst sehr schnell nach.

Nun ist Kreativität, ebenso wie Humor, keine allgemeingültige Sprache. Beide leben im Inneren. Doch manch einmal befällt einen ja das Verlangen, sich selbst zu zeigen, sei es nun für Geld oder Anerkennung.

Mancheinmal will man in die Öffentlichkeit. Sich überprüfen lassen. Sei es ein Projekt. Oder halt ein Witz.

“Was sagt ein Kreativer ohne Arbeit zu einem Kreativen mit Arbeit?”

“Einmal Pommes, bitte.”

Um seine Kreativität, seinen Humor überhaupt nach aussen tragen zu können,braucht es Werkzeuge der Kommunikation.

Dann geht es darum, das eigene Schaffen in zwei Bereiche zu gliedern. In die Aufnahme und in die Umsetzung. Und genau dazwischen, genau zwischen Aufnahme und Umsetzung, dort steht die Idee. Genau dort ist sie, die Kreativität. Sie ist das “Jetzt” des Dr. Faust.

Zwei Zustände des Geistes müssen unterschieden werden, der offene und der geschlossene.

Dem Zustand der Aufnahme und dem Zustand der Umsetzung.

Am besten wäre es, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen und mit dem Mund eines alten Menschen davon zu erzählen. Und, während dessen immer nur das Jetzt, nur die Idee zu sein.

Wer die Menschen der Weltgeschichte fragt, die für die wirklich grossen Ideen verantwortlich waren, bekommt meist die selbe Antwort: “Ich hatte damit eigentlich wenig zu tun. Ich hab mir das nicht ausgedacht. Während der Umsetzung, der real Werdung meiner Idee, stand ich eigentlich nur daneben. Und es Floss durch mich hindurch. Und irgendwann war es fertig.

Und dann am Schluss war es nicht so wie ich es wollte.

Es war einfach ich, mit allem was dazu gehört.”


Auf dem Sofa. Nach dem Tatort. Und Überall. Es muss nicht alles immer witzig sein.

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