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Joseph.

Erstaunlich scharf schnitt die letzte Wintersonne mit ihrem Licht durch die Wolken der Stadt. Wie blitzende Messer jagte sie Helligkeit in die Strassen, und sobald einer der Menschen einen dieser Strahlen erwischen konnte, stürzte er sich mit seinem Gesicht hinein.

 Als Joseph im Viertel verschlafen die Augen öffneten, stob gerade im Bürgerpark auf der anderen Seite der Stadt ein Schwarm von Staren von den Wipfeln der Bäume aus, in den tiefblauen Nachmittagshimmel. Sie begannen zu tanzen. Nur hatte das keiner gesehen.

 Im gleichen Moment bekam der Obdachlose Joseph in der Straße „Vor dem Steintor“ eine Türkische Pizza mit ein bisschen „Scharf“ geschenkt, setzte sich auf einen Stuhl in einem Café und begann zu essen.

 Er saß auf dem gleichen Stuhl, auf dem er jeden Tag saß, und eine Bedienung brachte ihm auf Kosten des Hauses ein Glas „Cola“.

 Über die Jahre war er vom öffentlichen Ärgerniss zum Maskottchen des Stadtteils geworden. Ihn hätte nichts weniger Interessieren können. Die wertenden Blicke der Menschen langweilten ihn. Wer keine Ahnung hatte konnte ja gerne das Maul aufreissen. Er sollte dann bloss nicht erwarten, dass man er ihnen zuhörte.

 Joseph verputzte seine türkische Pizza und lächelte in die tief stehende Sonne, die ihm quer durch die alten Häuser des Ostertorviertels noch einen letzten Sonnenstrahl schickte. Die Sonne kam zu ihm. Er musste sie nur geniessen.

 Dann stand er auf, trottete wohlgesättigt hinüber zur anderen Straßenseite und schnappte sich den kleinen Unkrautrackel, den ihm letztes Jahr der Besitzer des Haushaltswarenladens Cäsar zu Weihnachten geschenkt hatte. Dann begann er, dass Gras in den Fugen zwischen den Gehwegplatten zu entfernen.

 Jahr für Jahr, wenn der Winter den Punkt ohne Wiederkehr in die sonnigeren Jahreszeiten hinter sich gelassen hatte, begann er damit, „seine Bude“ aufzuräumen; dass war schon in seinem Haus vor einer gefühlten Ewigkeit so gewesen.

Das gute Haus war weg, das Haus war kein Zuhause mehr, und wenn die Strasse hier jetzt sein Zuhause war – und das war sie nach den zehn Jahren, die er jetzt in einem Radius von etwa hundert Metern auf dieser Strasse verbrachte mit Sicherheit -, dann musste halt auch hier aufgeräumt und geputzt werden – man konnte doch nicht im Dreck versinken!

Eine unaufgeräumte Wohnung – das ist ein unaufgeräumtes Inneres, und wenn man schon auf der Strasse lebt, dann sollte man doch wenigstens mit sich selbst halbwegs im Reinen sein.

Joseph hob den Arme über den Kopf und trieb den Rackel und seine Scharfe Klinge in den Beton.

In genau diesem Moment, kam eine alte Frau aus der Hauptsparkasse an der Sielwallkreuzung und hielt einen Kontoauszug in der zittrigen Hand. Ihre Hand zitterte, weil sie nicht, wie sie es vorhatte, zum „Netto“-Markt gehen konnte, um Kartoffeln und Petersilie für die Suppe zu kaufen. Das sagte ihr dieser Kontoauszug. Sie konnte auch dem jungen Mann, der immer vor dem „Netto“ saß, keine fünfzig Cent in den Bettelbecher werfen.

Sie blieb auf dem in den Boden eingelassenen Pfennig vor dem Haupteingang der „Sparkasse“ stehen und überlegte, was sie tun könnte, und wurde tatsächlich traurig, als sie sich auf den Weg durch die „Coffee-to-go“- Bäckereien machte, um heimlich die Kuchenproben zu mopsen, die dort auf den Theken standen, Mit diesen winzigen Kuchestücken wollte sie sich auf eine Bank an einem kleinen Platz im Ostertorviertel setzen.

Auf diesem Platz stand in der Mitte ein kleiner eingezäunter Baum und vielleicht, wenn einer kam, warf sie einem der Stare, die dort manchmal saßen, einen Krümel zu und freute sich, dass es jemanden gab, mit dem sie teilen konnte – und wenn es nur ein Probierstückchen gedeckter Apfelkuchen war.

Sie hörte ein leises klirren. Es wiederholte sich und gab dem Viertel einen Takt. Einen Rhytmus, zu dem aber keiner tanzte.

Immer wenn Joseph mit der scharfen Klinge des Fugenreinigers in die Kronkorken und Kaugummi gespickten Ritzen zwischen den Rohbetonplatten von dem Steintor schlug, erklang diese hohe klingen, welches sirrend durch die Luft zog und sich in den Gassen vom Kiez verlor.

Kleine Unkrautbüschel quollen zäh aus dem Stein und türmten sich zu kleinen Haufen neben Josephs Knien, um die er sich alte Ed Hardy Tshirts gebunden hatte, um den Schmerz der rauen Strasse zu lindern.

Einige junge Damen mit mittelmässigen Berufen in den Szenetypischen Dienstleistungsbranchen trippelten auf ihren Ballerinas und Chuck-Schuhen vorbei. Sie lachten, obwohl nichts lustiges geschah und traten Josephs kleine Grashäufchen platt.

Davon liess sich Joseph nicht abhalten. Er arbeitete weiter. Erste Schweissperlen standen auf seiner Stirn. Er arbeitete konzentriert. Das war eine seiner Stärken. Hatte er einmal eine Aufgabe, gab es wenig, das ihn von der Lösung abhalten konnte. Immer wieder jagte die Klinge in den Gehweg.

Die wandernde Sonne schoss einen Strahl warmen Lichtes durch eine der Baulücken auf der anderen Strassenseite, die schon bald einem Hochleistungsloft Platz machen würde. Der Strahl traf Josephs Kopf und er sah den scharf geschnittenen Schatten seines Profils an einer Hauswand neben sich. Er konnte nicht anders, als sich zu besehen. Der Schatten erinnerte ihn an einen Scherenschnitt, den seine Mutter vor vielen Jahren einmal auf dem Weihnachtsmarkt von ihm hatte anfertigen lassen.

Auf einer modernen Fotografie hätte man die Zeit in seinem Gesicht lesen können. In diesem Schatten jedoch, hatte sich kaum etwas verändert.

Joseph selber besass keinen Spiegel. Das interessierte ihn alles gar nicht mehr. Ein Spiegel war kein Werkzeug mehr, das er in seinem Leben verwendete. Für ihn machte es keinen Sinn, um sein Aussehen zu wissen.

Jeden Tag lief er an den spiegelnden Schaufenstern der kleinen Geschäfte der besser verdienenden vorbei. Ihm war sein Anblick nicht mehr unangenehm. Er kam ganz gut klar mit sich. Es interessierte ihn nicht mehr.

Es gab viele Stufen, langsam aus der Gesellschaft heraus zu rutschen. Das war nichts, was man plante, das war nichts, wegen dem man zu seiner Bank ging und nach einem Kredit fragte. Tatsächlich war der eigene Abstieg eher etwas, das man sich wundernd von der Seite besah. Überraschender Weise, war das auch nicht schlimm, es tat überhaupt nicht weh, sich selbst beim Absturz zu beobachten.

Joseph sass da, mit glänzender Stirn, rauschendem Bart und seine Gedanken schweiften ab, als er sich in seinem Schatten an der Wand verlor.

Die Knie der vorbei eilenden Menschen zogen knapp an seinen Ohren vorbei, doch er zuckte schon lange nicht mehr. Viel zu weit war das alles von ihm weg. Diese Welt mochte ja nahe an ihm sein, nur war er schon lange weit weg von sich selbst.

Es war verwirrend, wie genau er sich seine Geschichte ansehen konnte. Er hatte immer einen Trailer, einen zusammenschnitt seines Lebens im Kopf. Wie schnell das alles gegangen war. Wie unglaublich präzise die Logik des Lebens im Rückblick war. So als hätte irgendjemand Regie geführt. Ganz so als wäre das Drehbuch schon lange geschrieben.

Wenn er sich abends zur Ruhe begab, in den Eingang des erste Welt ladens begab, wenn es dunkel und die Strassen leerer wurden, kam er sich manchmal vor, wie im Kino. Wenn das Licht langsam leiser wird. Dann fühlte er sich wie ein Schauspieler, der alleine ins Kino geht, um sich den Film mit sich selbst in der Hauptrolle an zu sehen. Und in den seltenen, stolzen Momenten schaute er sich um, und bemerkte, das sonst niemand im Kino war.

Eines hatte zum anderen geführt. Die Geschichten glichen sich. Alle diese Geschichten der Menschen auf der Strasse. All derer die Platte machten.

Komischerweise traf man wenige, welche die Aura eines Losers ausstrahlten. Jahre auf der Strasse führten zu vielen schlechten Dingen, aber bestimmt nicht zu einem langweiligen Leben. Die einen würde sagen, diese Menschen hätten die Kontrolle verloren. Doch das war nur die eine Seite. So etwas sagten meist Menschen, die andere erniedrigen mussten, um sich und ihr eigenes Leben zu erhöhen. Die Kontrolle zu verlieren war für viele Menschen in anderer Form ja ein erstrebenswerter Zustand, warum besoff sich denn das halbe Land und die ganze Jugend bis sie gefühlt tot umfielen? Der eine nannte es Kontrollverlust. Aber von aussen gesehen war es eine Sehnsucht nach Freiheit. Das verlangen, endlich einmal los zu lassen. Sich mit Alkohol den Gefängnisstaub von der Seele zu waschen.

Für Joseph war das alles schon zu spät. Es war zuviel passiert. Über was sollte er denn noch Kontrolle zurück erlangen? Kontrolle war ja nichts anderes als Macht. Und Macht wollte er überhaupt nicht mehr. Mit grosser Macht kommt grosse Verantwortung, hatte mal jemand zu einem Held seiner Jugend gesagt. Und Verantwortung war in den meisten Fällen nur der Anfang vom Ende der Freiheit. Er hatte all das lange hinter sich gelassen. „Wird schon wieder werden.“ dachte er sich. „Nach Regen kommt Sonne. Nach fest kommt ab.“

Joseph erhob sich von seinen Knien und zuzellte eine Dose Coka Cola aus seinem Mantel. Die gewohnten Blicke streiften ihn. Diese seltsame Mischung aus Verachtung und Mitleid.

Er schaute sich um. Schon lustig, wen die Menschen so „Spinner“ nannten!

Amüsant, die moderne Welt, wie die Leute durchdrehten, und überhaupt nicht wussten, wieso. Sie waren aufgeregt wie Kinder im „Heidepark“.

Alle waren am durchdrehen, und das jeden Tag. Und keiner wusste wieso.

Alles war nur noch aufgeregt. Joseph sass da und fühlte sich wie der Beppo Strassenkehrer dieser Stadt.

Wahrscheinlich waren sie das letzte Mal mit neun Jahren so aufgeregt gewesen, als sie noch mit unversautem Blick durchs Leben gelaufen waren. Sie wussten alle gar nicht wie ihnen geschah. Und sie fühlten sich einsam und mit sich selbst allein.

Dabei taten sie eh immer alle das Gleiche und verbrachten ihre Leben auf die gleiche Art und Weise, nur redeten sie nie drüber und wussten es deswegen auch gar nicht!

Die Leute gingen in einen Raum, vergaßen, was sie dort wollten, gingen wieder hinaus, und in diesem Moment fiel es ihnen wieder ein.

Sie alle hatten als Kinder Bilder angefertigt und eine Sonne oben rechts in die Ecke des Papiers gemalt, so dass nur drei Viertel von der Sonne zu sehen waren.

Sie hatten früher alle gedacht, dass ihr Herz wirklich aussähe wie die Herzen, die sie heute in ihren überflüssigen Chatnachrichten benutzten.

Sie alle hatten früher den Kühlschrank ganz langsam geschlossen, um zu sehen, ob das Licht da drinnen wirklich ausging, und sie alle hatten versucht, den Lichtschalter in ihrem Kinderzimmer in die Mitte von „an“ und „aus“ zu balancieren, um zu sehen, was passieren würde.

Alle waren sie gleich – und nicht zuletzt war diese Einsicht Josephs Grund, auf der Strasse zu leben. Eigentlich waren wirklich alle gleich, sie liessen sich nur allzu gerne einreden, dass dem nicht so wäre, und vertrieben sich den Tag damit, über andere zu urteilen. Wenn Joseph auf der Strasse saß und die Leute auf ihn herabblickten, genoss er eines der schönsten Gefühle, die er sich vorstellen konnte: Das herrliche Gefühl, unterschätzt zu werden!

Er liess die Klinge zurück in den Stein fahren. Als würde er auf die Stadt einstechen. Nur wusste er das nicht.

An ihm vorbei ging eine junge weiße Frau mit Dreadlocks mit „Ich bin Ich“ Perlen und schob einen Kinderwagen. Neben ihr ging ein junger weißer Mann mit einem Reggaehut, und der Mann sagte „Aber ich liebe dich!“

Da dachte sich die Frau: „’Ich liebe Dich!’ sagt man bitte nicht mit einem „aber“ davor!“ und musste an Bob Marley denken, der einmal gesagt hatte:

Du sagst, Du magst Regen, aber Du benutzt einen Schirm, um nicht nass zu werden. Du sagst, Du liebst die Sonne, aber suchst immer ein schattiges Plätzchen. Du sagst, Du liebst den Wind, aber wenn der Sturm kommt, schließt Du das Fenster. Und jetzt sagst Du ‚Ich liebe dich!’ , und ich glaube, ich sollte jetzt Angst haben!“

So dachte sie sich und schob verträumt den Kinderwagen weiter das Viertel hinauf. Ein kleiner Hund konnte dem Geschiebe gerade noch ausweichen und lief haarscharf zwischen den Rädern des Kinderwagens hindurch.

Ängstlich quietschend sprang er zwischen die an der Seite des Ostertorsteinwegs geparkten Autos, lief weiter und im letzten Moment konnte ihm ein Fahrradfahrer ausweichen, kam jedoch mit dem Vorderrad in die Straßenbahnschiene und überschlug sich über den Lenker, landete aber nach einem vollen unbeabsichtigten Salto wieder auf den Füssen, schaute sich um und sah sein Fahrrad aufrecht in den Schienen stehen.

Joseph sprang auf und zog den kleinen Hund von der Strasse in seinen Arm, setzte sich wieder und bettete den ihn auf seinem Schoss.

Der junge Mann fasste sich auf den Kopf, schaute nach oben, und sah seine Mütze durch die Luft segeln, und wie sie auf dem Kopf eines schönens Mädchens landete, welches dem Hund hinterher auf die Strasse gelaufen war. Seine Mütze stand ihr so gut, dass sich der junge Mann schnell verliebte, sie heiratete, Haus und Hund kaufte und eine Familie mit ihr gründete.

Nun sass Joseph da. Er hob den Hund an den Vorderläufen hoch und setzte ihn neben sich. Er blickte auf die andere Strassenseite und sah sich und ihn in der Spiegelung das Schaufensters. Der Hund wackelte mit dem Schwanz, sprang auf und lief um ihn herum. Dann schaute Joseph sich selbst in die Augen. Und lächelte.

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