Bomben auf Utopia, Tag 49

Tag 49 (16.11.2012)

Afrika

 Nicht ein kleines Wölkchen war am Himmel über Afrika. Alles war schön blau.

Die Sonne brannte auf ein kleines Dorf. Einige Menschen dösten vor ihren Häusern herum; noch hatte ihr Dösen nichts mit Langeweile zu tun, denn dieses Marketinginstrument hatte in diesem netten Teil der Welt noch keinen Einzug gehalten.

Sie schienen aus einer Zeit zu stammen vor dem affektierten Rumgehampel des Westens, bei dem man immer das Gefühl hat, dass keiner sich mehr bewegen kann, als sei er unbeobachtet.

Die Bewohner der Industrieländer wirken schon beim Aufstehen als würden sie gerade für ein Video gefilmt werden, dass ihnen den großen Gangsterrapper-Erfolg bescheren würde. Ein einziges albernes Gehippe und Gehoppe!

Beim Betrachten eines Menschen ist es ein entscheidender Unterschied, ob er aussieht, als würde er Dinge für sich selber tun, oder ob er Dinge tut, um von anderen gemocht zu werden. Das waren verzweifelte Versuche einer Welt, die versuchte, die Kontrolle über sich selber zurückzuerlangen. Versuche einer Welt, die längst viel zu unkontrollierbar war, um noch irgendwie Zugriff auf ihren Inhalt zu bekommen!

Nicht so hier, in diesem kleinen Dorf, abseits von dem ganzen Quatsch, den die anderen auf der Welt so trieben. Irgendwo mitten in Tansania. Viele zogen in die Städte, nur, um auch zu lernen, was man tun musste, um man selber zu sein.

Kofi und Ato saßen vor ihren Hütten und hatten für den Moment nichts zu tun. Das erfüllte sie mit Ruhe, nicht mit Nervosität. Ein ganz grundsätzliches Gefühl von Dankbarkeit dem Schicksal gegenüber erfüllte sie.

Die Idee, Scham zu fühlen, weil sie überflüssig oder faul sein könnten, war ihnen vollkommen fremd.

Zwei komische weiße Menschen näherten sich über die staubige Hauptstraße des Dorfes. Sie trugen die typische Uniform des weißen Mannes: Rucksäcke wie die „Ghostbusters“.

Jahreseinkommen in Funktionskleidung.

Wasserdicht und transpirationsdurchlässig.

Schuhe, die von selbst atmeten. Fußtiere.

Wassersäule: mindestens 5.000.000 Kilometer.

Hosen mit mindestens fünf Reißverschlüssen zur exakten Anpassung der Hosenbeinlänge an das vorherrschende Klima.

Anscheinend brauchte es für Tansania und einen Einkauf bei „Alnatura“ die gleiche Ausrüstung.

“Goretex” or death.

“North Face” aufs Herz tätowiert.

Halbinteressiert schauten Kofi und Ato die Straße hinunter. Interessant, wie interessant sich die Neuankömmlinge vorkamen und sich umschauten, als wären sie auf dem Mond gelandet. Keiner der Einheimischen hielt sie für Geister, eher für Vollidioten!

Die beiden Weißen schritten die Straße weiter hinunter, und obwohl sie sich in ihrer eigenen albernen, weltoffenen Gesinnung badeten, wurden sie das Gefühl nicht los, Götter zu sein. Hässliches, unterbewusstes weißes Erbe!

Die Blicke der Einheimischen lagen gelangweilt auf ihnen.

Alles war anders, hier im fremden Land. Hier schien Langeweile Aufregung zu bedeuten. Das ging ja gar nicht anders, so interessant, wie sie selber waren. Götter konnte man nur aufgeregt anstarren.

Was für eine absurde Idee!

Kein Farbiger, der in der Innenstadt von Stade, Kassel oder Bremen dumm angestarrt wurde, wäre auf die Idee gekommen, dass ihn die Weißen für einen Gott hielten. Obwohl es mit Sicherheit der geilere Ansatz gewesen wäre, um das dumme Geglotze zu erwidern!

Kofi schaute sich um, sah die Überreste des halben Broilers neben sich liegen, schnappte sich einen der Knochen und steckte ihn sich halb in ein Nasenloch, so dass er noch zu großen Teilen herausragte.

„Och, nö – nich wieder DIE Nummer!“ maulte Ato.

„Ach komm, das ist saulustig!“ sagte Kofi.

„Ja, aber auch nicht mehr nach dem zehnten Mal!“ antwortete Ato.

„Ha! Du hast ja keine Ahnung von Humor! Wenn es beim zehnten Mal nicht lustiger ist als beim ersten Mal, war es beim ersten Mal auch schon nicht lustig!“ sagte Kofi, stand auf, schlurfte zur Mitte der in der Mittagssonne vor sich hinstaubenden Hauptstraße und blieb wankend stehen.

Die Touristen kamen näher. Sie sahen den jungen Mann auf der Straße stehen und beschleunigten ihren Schritt. In kurzer Zeit waren sie bei Kofi angelangt. Er verdrehte die Augen und setzte sich nieder.

„Bitte!“ stammelte er. „Wasser!“

Hektisch drehten sie ihre zweiundvierzig Euro teuren, bruch- und atomkriegsicheren Getränkeflaschen auf und gaben ihm von ihrem wertvollen, weil isotonisch rückelektrolysierenden Powerdrink.

„Trink!“ sagte die Frau, die mit der offenen Flasche vor ihm stand. „Bitte trinke doch!“

Kofi schnappte sich die Flasche und trank einen Schluck. Dann spuckte er es aus und schaute sie fragend an. Der Hühnerknochen ragte nach wie vor aus seinem Nasenloch.

„Das ist gut!“ sagte die Frau und überlegte, wie sie sich verständlich machen konnte. Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf ihren Mund und beschrieb mit der anderen Hand kreisförmige Bewegungen vor ihrem Bauch.

„Gut!“ wiederholte Kofi.

„Gut!“ sagte die Frau und schaute Kofi stolz wie eine Weltretterin an. Wieder ein gutes Werk getan!

Kofi fummelte an dem Knochen in seiner Nase herum. Mild blickte die Frau auf ihn herab und wandte sich an ihre Begleitung.

„Es ist so anders hier. Ich fühle das Leben. Afrika! Ach, Afrika! Sie selbst wissen es vielleicht nicht, aber schau doch, wie toll die Menschen es hier haben. Weißt Du, was die Afrikaner sagen, wenn sie uns Europäer sehen? Sie sagen: ‚Ihr habt die Uhr, aber wir haben die Zeit!’ – witzig, nee? Sie sind so bauernschlau, und die haben so einen naiven Humor, den wir ja schon total verlernt haben, so verkniffen, wie wir immer sind. Hier können wir mal was lernen!“ sagte sie zu ihrem auch total offen wirkenden Mann, der neben ihr stand. Sie waren stolz, es einmal bis nach Afrika geschafft zu haben. Es hatte sich doch gelohnt, immer zu arbeiten!

„Ugh!“ machte Kofi und ließ einige Klick- und Pfeiflaute folgen.

Die Frau konnte im letzten Moment noch ihrem Drang widerstehen, Kofi wie einem Kind den Kopf zu tätscheln.

„Weißt Du“, wandte sie sich noch einmal an ihren Mann, der bestimmt – mit einhundertprozentiger Sicherheit! – Nichtraucher war,     „wir sehen die Schönheit der Welt gar nicht mehr. Wir arbeiten immer nur. Wir haben gar keine Zeit mehr für das Ursprüngliche, das Wahre, die Natur. Das Schöne hier ist aber: Diese Menschen – in ihrer gesamten Einfachheit – leben es einfach. Sie müssen es nicht sehen, sie leben es einfach. Ich würde so gerne einmal ihren Stammesführer oder ihren Medizinmann treffen!“

Die beiden blickten Kofi an. Neidisch und doch mitleidig. Ekeliger kann ein Mensch gar nicht gucken!

Kofi rappelte sich auf und zog den Hühnerknochen aus seiner Nase.

„Wissen Sie, wir sehen das schon! Das Problem ist ja eigentlich, dass wir Menschen nur ein Prozent des elektromagnetischen Feldes überhaupt visuell wahrnehmen können. Genauso, wie wir nur ein Prozent der tatsächlichen Geräusche des Universums mit unseren Ohren hören können. Wissen Sie, während ich Ihnen das hier erzähle, reisen wir mit unserem Planeten mit 220 Metern pro Sekunde durch das Weltall.

Neunzig Prozent der Zellen in unserem Körper tragen die DNA von Mikroorganismen und nicht unsere in sich. Neunzig Prozent von uns sind also gar nicht wir!

Die Atome, aus denen unser Körper geformt ist, bestehen zu 99.99999999 Prozent aus absolut nichts, aus leerem Raum, und kein einziges Atom, das zu unserem Körper gehört, war schon in uns, als wir geboren wurden. Und nicht nur das – die Atome stammen  nicht mal von der Erde, sondern aus dem innersten eines Sterns.

Wir haben zweiundvierzig Chromosomen – das sind zwei weniger als eine durchschnittliche Kartoffel!

Die Existenz eines Regenbogens basiert einzig und allein auf den Stäbchenrezeptoren in unseren Augen. Es gibt ihn da draußen gar nicht. Sondern nur in uns drinnen. Tiere ohne diese Rezeptoren werden niemals einen Regenbogen sehen können.

Wenn Sie einen Regenbogen sehen, dann sehen Sie ihn nicht – Sie machen ihn selber, in sich drinnen!

Das ist ziemlich aufregend, insbesondere, wenn man bedenkt, dass wir nur ein Prozent aller Farben im galaktischen Farbspektrum sehen können!“

Er zog sich den Hühnerknochen aus der Nase und schnipste ihn an den Straßenrand.

„Willkommen in Afrika!“ sagte Kofi und schlurfte zurück zu Ato, der immer noch am Straßenrand saß und lachte.

In diesem Moment verdunkelte sich der Himmel. Ein großes, seltsam bunt angemaltes Raumschiff schob einen schweren Schatten über das Dorf. Langsam wandten sich die Köpfe in Richtung Himmel, und die Bewohner bemerkten das seltsame Teil über ihren Köpfen. Kofi und Ato konnten vor Aufregung ihre Beine nicht bewegen und starrten in den Himmel. Plötzlich glaubten sie doch an Götter!

Es wäre naheliegend gewesen, bei diesem Anblick wahnsinnig zu werden, wäre da nicht diese seltsame Bemalung des Raumschiffs gewesen. Diese riesige fliegende Untertasse hatte nicht das schwere Grau der aus Film und Fernsehen bekannten Raumschiffe. Vielmehr war der Bauch quietschebunt bemalt – unbestreitbar, dass hier Kinder am Werk gewesen waren!

Der Bauch des Schiffes sah aus wie jede lustige, zum Malen mit Kreide freigegebene Wand in jedem Kindergarten auf diesem Planeten. Da waren große, gelbe Sonnen, die in langen gewellten Strichen auf Strichmännchenkinder schien, und grüne Dreiecke, die Bäume darstellten, dazu kleinere Figuren, die aussahen wie krabbelnde Menschen, aber mit Sicherheit Schweine oder Katzen darstellen sollten.

Ein riesengroßes Werk, von Kindern gemalt und in seiner Naivität so schön, dass auf der ganzen Welt, überall wo sich die Schiffe sehen ließen, nicht Angst, sondern Freude ausbrach.

Solche Untertassen schwebten jetzt, wie durch Zufall, über den Spaßbädern, die nun mittlerweile quer über die Welt verteilt waren, und machten überall das Bild von einem vollkommen verrückten, aber unvergesslich schönen Tag im Spaßbad perfekt!

Kofi und Ato guckten ein bisschen blöde aus der Wäsche. Die beiden Touristen kamen zu ihnen hinüber gelaufen, und alles, was Kofi einfiel, war ein „Sehen Sie, genau das habe ich gemeint. Also ich find’s schön!“

Justus stand im TV-Studio und war immer noch auf Hundertachtzig. Wieso, konnte er eigentlich nicht sagen. Der Lichthelfer, den er eben gerade noch zusammengefaltet hatte, hatte sich dezent aus dem Staub gemacht, und Justus stand jetzt Emma Auge in Auge gegenüber. Immer noch hielt sie ihm ihren Caipiroska hin. Der süßliche Geruch von Rohrzucker, Limette und Wodka stieg in seine Nase und seine unerklärliche Wut verschwand. Er schnappte sich das Glas und nahm einen tiefen Schluck. „Schon besser!“

Die anderen gesellten sich zu Ihnen. Steffi, Maik, Willehad, Justin, Justus und Emma standen wieder einmal im Kreis herum, wie es ihnen in letzter Zeit erstaunlich oft passierte. Immer Kreis machen, kurz was entschließen und dann was anderes machen. Immer das Gleiche. Das hatte so was Ursprüngliches. Für Emma hatte das auch etwas irgendwie Afrikanisches. Bestimmt fanden sich Menschen schon immer in Kreisen zusammen und bequatschten dann irgendwas. Zum Beispiel Krieg oder so.

„Ah, ja, richtig – Krieg – da war ja noch was!“ dachte Emma sich und schaute in die Runde.

„Ist jetzt eigentlich Krieg?“ fragte sie einfach mal so in die Runde.

Die anderen grübelten. Gute Frage! War jetzt eigentlich Krieg? Woran bemerkte man das denn eigentlich? Was war denn die Haupteigenschaft von Krieg? Hier, in diesem Fall, war ja eigentlich noch nicht so richtig jemand gestorben, obwohl man das mittlerweile auch nicht mehr genau sagen konnte. Die über Berlin abgeworfenen Walfische hatten immerhin einiges platt gemacht. Und dabei vielleicht sogar einige Leute getötet. Aber bestimmt weniger, als Alkohol und Zigaretten das taten. Und die waren schließlich auch legal. Und Krieg war ja auch nicht automatisch, wenn mal einer was soff oder rauchte!

„Nee, ich glaub nicht, dass Krieg ist!“ sagte Steffi. „Fühlt sich irgendwie nicht nach Krieg an. Ist ja alles so schön bunt hier. Aber ich hab auch keine Ahnung – in meinem deutschen Kopf drin ist Krieg immer eher schwarz/weiß, und ich glaub auch, dass Kriege selten mit illegalen Spaßbädern anfangen. Aber, wie gesagt, ich hab keine Ahnung. Vielleicht ist ja Krieg, und es kriegt bloß keiner mit?“

„Ich gehe mal davon aus, dass schon Krieg ist, aber Krieg muss ja auch immer gegen irgendjemanden gerichtet sein. Einfach so Krieg, ohne gegen irgendwas, das funktioniert ja nur schwierig!“ sagte Justus, der sich wieder ein bisschen eingekriegt hatte.

„Naja, also – ich fasse das mal zusammen!“ ergriff Willehad das Wort. „Das könnte doch ein bisschen schwieriger werden. Für viele Leute wäre so ein Krieg jeder gegen jeden das Beste, was passieren könnte. Tatsächlich wäre so ein großes, blutiges Jeder-gegen-jeden nur die logische Verlängerung von dem, was gerade so auf der Welt passiert.

Wenn Menschen in allen anderen Menschen Feinde sehen, dann ist klar, dass sie auf sich allein gestellt sind. Und wenn ein Mensch alleine ist, dann kann man ihn erstens viel besser lenken, weil man ihm besser Angst machen kann, und zweitens ist es ja viel einfacher, einsamen Menschen Sachen zu verkaufen. Denn wer hasst, wird wohl kaum seine Sachen mit anderen teilen. Und das ist ja die grundsätzliche Idee von Geld: Immer muss etwas verkauft werden. Wenn du nichts verkaufst, dann kannste auch kein Geld verdienen. Und das Gegenteil von kaufen ist ja ausleihen!“

„Kannst Du mir mal ne Kippe ausleihen?“ fragte Maik dazwischen, aber Willehad überging ihn geflissentlich.

„Ist ja auch egal – Pipapo. Tatsache sieht es aber so aus …“, er schaute kurz in die Runde um sicher zu gehen, dass kein Unbefugter zuhörte. „Wir kriegen diese Welt so ohne weiteres nicht unter einen Hut. Wenn man sich die Länder der Welt mal anschaut, ich meine, die Länder, die halbwegs friedlich und ohne Bürgerkrieg auskommen – die haben sich immer im Kampf gegen einen Feind zusammen gefunden. Ich weiß schon, dass Staaten und Länder und Nationen an sich schon mal Scheiße sind, aber ist jetzt gerade halt mal so!“

Willehad machte eine kurze Pause.

„Stellt Euch mal vor, alle Menschen hätten plötzlich einen gemeinsamen Feind. Dann hätten plötzlich alle Menschen auf der Welt etwas gemeinsam. Egal, wie doof sie sind. ‚Feind’ versteht schließlich jeder!

Das mit George und den Außerirdischen habt ihr ja mitbekommen. Denen ist das egal, ob die Menschen dieser Welt sie Scheiße finden. Die haben genug Freunde, und eigentlich nehmen sie die Menschheit auch nicht besonders ernst. Aber sie würden wohl den Sündenbock machen und ein bisschen mitspielen. Es gibt eigentlich nur noch ein Problem. Wie bekommen wir es hin, dass alle zusammen gegen die Außerirdischen kämpfen und sich nicht gegenseitig auf den Kopf hauen?“

„Hat der Außerirdische das ernst gemeint mit der Casting Show?“ fragte Steffi. „Ich meine, schweben die da jetzt wirklich rum und gucken, wer von den Menschen cool genug ist, gerettet zu werden?“

„Ja, das haben sie vor. Tatsächlich ist denen relativ langweilig da oben, weil sie ziemlich wenige Probleme haben. Die sind halt eine höher entwickelte Spezies Mensch. Aber wenn – ganz egal, welche Spezies – ein Mensch gar keine Probleme mehr hat, dann antwortet das Gehirn mit Langeweile. Muss man sich mal vorstellen: Da wünschen sich alle das Paradies, obwohl sie genau wissen, dass das Paradies, so ganz ohne Probleme, der langweiligste Ort überhaupt sein muss. Aber ich schweife ab. Ja, Steffi, die machen das tatsächlich: Am Ende aller Tage holen sie die lustigsten, coolsten und lässigsten Menschen zu sich an Bord!“

„Gefällt mir!“ warf Justus ein.

„Ja, ich glaube, Du könntest ein Kandidat sein!“ antwortete Willehad. Justus fühlte sich geschmeichelt.

„Danke sehr!“ sagte er. „Also machen jetzt alle zusammen Krieg gegen Außerirdische. Und die machen mit, weil es ihnen egal ist, und dafür bekommen sie ein paar Auserwählte zur Unterhaltung?“

„Ja, so ungefähr. Die große Frage ist doch, was unser Gott Justin hier eigentlich noch so vor hat!“ sagte Willehad und blickte zu Justin hinüber. Der schaute zu Boden und wartete einen Moment mit der Antwort.

„Also, es ist schon so, dass uns ein endgültiger Kampf Gut gegen Böse bevorsteht. Der muss auf irgendeine Art und Weise ausgetragen werden. Ich hab damit nicht angefangen. Ich will jetzt auch nichts vom Teufel erzählen. Das würde ja auch gar keinen Sinn machen. Kleines Geheimnis: Es gibt den Teufel gar nicht, es gibt keinen bösen Gott, mit dem ich immer rumzicken würde. Tatsächlich – seid mir jetzt nicht böse, aber – surprise, surprise – bin das alles ich! Ja, auch ich, euer allmächtiger Gott, bin manchmal gut und manchmal schlecht aufgelegt. Das bin alles ich. Ich habe das noch niemandem so direkt gesagt, aber: Ich habe ziemliche Probleme. Und im Moment stehe ich an einem Punkt im Leben, wo ich mich mal entscheiden muss. Ich meine – stellt Euch mal vor: Ich bin ja schließlich unsterblich. Deswegen ist es ein bisschen schwierig, mein Leben in so klare Zeitabschnitte einzuteilen. Aber Ihr wart doch auch mal in der Pubertät. Diese Zeit, als ihr sinnlos gegen Türen gehauen habt, plötzlich auf alle wütend wart und im nächsten Moment bis über beide Ohren verliebt. Eine Minute: Jähzorn, andere Minute: Liebe. Pubertät halt!

Ich habe das Gefühl, seit es die Menschen gibt, bin ich in der Pubertät. Den einen Moment hasse ich Euch wie die Pest, den nächsten Moment habe ich euch lieb bis zum Totknuddeln.

Aber ich merke: Vielleicht werde ich so langsam erwachsen.

Zu Zeiten des Alten Testaments, da war ich noch wütend über jeden Quatsch, den ihr gemacht habt. Schlagwort: Sintflut. Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Beim Neuen Testament wollte ich plötzlich, dass sich alle lieb haben bis zum Anschlag.

Es ist sowieso ein Wunder, dass es niemandem aufgefallen ist, dass sich so was eigentlich nur ein deprimierter Teenager ausgedacht haben kann.

Nun ist das neue Zeitalter, und ich bemerke, ich werde so langsam ausgeglichener. Ruhiger. Vielleicht sogar sesshafter. Ich flippe nicht mehr wegen jedem Scheiß aus wie ein Verrückter. Vielleicht werde ich jetzt halt „erwachsen“!

Aber in mir drinnen kämpfen die beiden, der Hippie und der hysterische Proll, immer noch. Und ich spüre, die werden noch ein letztes Mal so richtig aufeinanderknallen. Und ich habe so das Gefühl, das könnte das sein, was ihr gerne Weltuntergang nennen wollt. Also. Bitte sehr!“

„Weltuntergang, weil der Allmächtige nicht mit sich selber klar kommt?“ fragte Emma ein wenig ungläubig.

„Hmm, ja, also, da hatte ich jetzt gar nicht so drüber nachgedacht, bevor ich Euch das erzählt habe. Aber … ja, irgendwie ja! So als allmächtiger Gott ist das Reflexionsvermögen doch stark begrenzt. Ich glaube, ich muss mal einen Moment alleine sein. Danke sehr fürs Zuhören!“ sagte Justin, machte auf dem Absatz kehrt und ging schweren Schrittes, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, zur Tür des Fernsehstudios.

Die vier Freunde und Willehad blickten ihm hinterher.

„Ey, Justin!“ rief Steffi ihm hinterher.

Justin drehte sich noch einmal um.

„Sei mal nicht so traurig!“ rief sie ihm zu. „Geht uns allen manchmal so, das geht auch wieder vorbei. Vielleicht ist das jetzt Scheiße oder so – die Frage ist aber: Was sollen wir denn jetzt machen?“

„Ich dachte, Ihr wolltet mit George ein Bier trinken gehen?“ rief Justin durchs Studio.

„Willst Du nicht doch mitkommen?“ rief Emma hinüber, der auffiel, dass sie sich in den letzten Stunden ein bisschen wenig mit Gott unterhalten hatte. Da gäbe es ja doch einige generelle Fragen, die man mal hätte erörtern können!

„Nee, danke, lass mal!“ sagte Justin seufzend. „Ich komm später dazu!“

„Weißt Du denn, wo das ist?“ rief ihm Maik nach.

„Lieber Maik!“ antwortete Justin. „Ich bin Gott – ich weiß immer ganz genau, wer gerade wo ein Bier trinkt!“

Justin drehte sich wieder um und verließ das Studio, durchmaß die Gänge des Funkhauses und blickte in den Himmel, als er durch die große Tür ins Freie schritt.

Die anderen standen weiter im TV-Studio herum.

„Dann wohl wirklich Bierchen, wa?“

Willehad zückte sein Handy und wählte eine Nummer.

„George? Ja. Alles gut. Kommst du uns abholen? Ja? Cool! An der Schlachte 1. Ja. Ja. Wir kommen raus. Cool! Bis gleich!“

Er legte auf, und sie verließen das Fernsehstudio.

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