Bomben auf Utopia, Tag 47

Tag 47 (2.11.2012)

 Ein Walfisch namens Liebe

 Irgendwo auf dem Pazifik, fernab von jeder befahrenen Schifffahrtsroute, befand sich ein Strudel, ein Mahlstrom aus  Plastik.

Dieser Strudel, der daraus eine Art Insel erzeugte, wuchs seit siebzig Jahren. Die Strömungen der Erdmeere wirkten wie riesige, monströse und doch unsichtbare Schläuche, die den Müll der modernden Zivilisation einsaugten und zu einer Art natürlichen Staubsaugerbeutel transportierten.

Langsam, ohne Saugkraftverlust, presste dieser Apparat mit seinen wässrigen Grabschern alles, was er in die Finger bekam, hinein in diesen Strudel. Und er wuchs. Nicht im Durchmesser, dafür mehr in der Höhe und vor allem in der Dichte. War dieses Ding noch vor einigen Jahren ein loses Gewaber von Plastikteilchen gewesen, so gewann das, was vorher nur metaphorisch als „Insel“ bezeichnet werden konnte, einen Grad an Festigkeit, der stark an zerbrochene Eisfelder erinnerte.

Kleine Schollen hatten sich gebildet, die genug Auftrieb hatten, um einen Menschen tragen zu können. Diese Schollen hatten sich nun langsam miteinander verbunden. Wenn nämlich die einzelnen Teile im brennenden Sonnenlicht erweichten und zusammengedrückt wurden, entstanden neue ganze Stücke Land, und milchig bis durchsichtig wuchsen diese Stücke zu einer immer größer werdenden Einheit zusammen und bildeten schließlich eine Insel. Wie bei jeder Insel waren Spinnen, welche auf dem Plastikmüll zu den neuen Inseln reisten, auch hier die ersten Bewohner. Der Ablauf ist stets der gleiche: Die Spinnen locken alsbald Seevögel an, welche die Spinnen fressen und auch die in Plastikringen wie in einem Netz gefangenen Fische als Nahrung annehmen. Die Hinterlassenschaften der Vögel bilden sodann die Grundlage für einen ersten Nährboden auf dem Plastik, und die unverdauten Samen aus den Mägen der Vögel sorgen für eine erste Fauna, die sich langsam auf den neuen Inseln ansiedeln.

Der Strudel hatte es geschafft, dass bereits diverse kleine Flecken Landes über den Pazifik trieben, zwar kahl noch, aber schon sichtbar begrünt. Und unsere Insel wurde ständig größer – sie würde so schnell nicht aufhören zu wachsen. Mit zwei Hügeln darauf hätte man sie direkt mit dem berühmten „Lummerland“ verwechseln können!

In einem anderen wichtigen Gewässer, welches auf den Namen „Weser“ hörte, machte sich gerade eine göttliche Armee von „Spinnern“ wieder auf den Weg zum Treffpunkt, direkt zur „MS Stubnitz“, welche jetzt gekentert mitten in der Bremer Innenstadt lag und innerhalb kürzester Zeit von einer halbkommerziellen Techno-Punker-Gender-Clique in einen aufregenden Techno-Club verwandelt worden war.

Ein Mitglied der Armee leerte seine mit feinstem „Schlößchen-Pils“ gefüllte Plastikflasche auf einen Zug, spülte damit die letzten Reste des Himbeerpfannkuchens, den er gerade gegessen hatte, hinunter und warf die Flasche rücksichtslos ins Wasser. Sie dümpelte davon und hatte eine gute Chance, in nicht allzu ferner Zukunft Teil eines neuen Plastikeilands zu werden.

Der ehemalige Kapitän der „MS Stubnitz“ kam an Deck des Pfannkuchenschiffs und war von oben bis unten mit Mehl und Himbeersoße verschmiert. Ein breites Lächeln spannte sich von einem bis zum anderen sympathisch dicken Ohr. Es ging ihm gut.

Er zündete sich eine große Zigarette an und grinste auf die Weser hinaus, als er bemerkte, dass die einsetzende Flut langsam wieder Wasser unter den Bauch seines neuen Schiffes brachte und es begann, sich vom Grund zu lösen.

„Alle Menschen auf ihre Positionen!“ rief er laut und leckte sich noch einmal genüsslich den Ringfinger ab. „Wir legen ab!“

Seine Mannschaft, die sich nun auch an Deck versammelte, blieb ungerührt stehen, weil es auf dem Schiff eh nicht viel zu tun gab, und sie, außer Bier an der Theke zu verticken, ohnehin nicht viel tun konnten. Sie hatten ja nicht mal geankert an dieser kleinen süßen Bucht vor dem kleinen Haus an der Weser.

Der Kapitän schaute sich um, nahm noch einen letzten Zug, ging zur Brücke, schlug das Steuerrad hart backbord ein und wartete auf die Flut, bis sein Schiff wieder frei schwamm. Er schaltete in den Rückwärtsgang, setzte ein Stück in Richtung gegenüberliegendes Ufer zurück, wendete, und dann setzten sie sich gemütlich in Richtung Innenstadt in Gang.

„Gut!“ hörte Emma Peter, den ehemaligen Portier, durch die Studiolautsprecher des größten Studios im Funkhaus des Senders Radio Bremen. „Wir sind wieder drauf in fünfundzwanzig Sekunden!“

Willehad ging zu Emma hinüber, die unauffällig aufgeregt von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Er hatte einen Stapel Zettel dabei.

„Emma, geht es Dir gut?“ fragte er.

„Ja, geht schon, weiß ich auch nicht. Ja, nein, ach, Scheiße, was weiß ich denn? Ich hab so was doch auch noch nie gemacht!“

„Im Fernsehen vorlesen ist nichts anderes, als irgendwelchen Vollidioten irgendwas zu erzählen. Und wenn Du nervös bist, denk einfach dran, dass es kein dummer Rednertrick ist, sondern dass die meisten Leute, die Dir von zuhause aus zugucken, tatsächlich nur Unterwäsche anhaben. Wenn es hoch kommt!“

Emmas Augen wanderten kurz zur Studiodecke, und einen unvorsichtigen Moment lang dachte sie wirklich an die Republik, an diese Leute, die auf ihren fettig-speckigen Ledersofas saßen und sich die Placken ihres Adipositas-Pilzes rieben und genüßlich den Dekbitus, die Lieg-und Sitzfäule ihrer Körper durch Nichtstun pflegten. „Aus Faulheit wird Fäule!“ würde jetzt der altbräuchliche Deutsche mit Idealen aus den dreißiger Jahren sagen. „Aus Fäule und Tod folgt aber auch eine Form von Faulheit!“ würde der Turbokapitalist der späten achtziger Jahre sagen – und das zu verhindern wissen!

„Mein Gott, wie ekelig!“ dachte sich Emma, und ihre Augen tränten vom aggressiven Scheinwerferlicht der Deckenbeleuchtung.

„Pass auf, setz Dich hin, das läuft hier alles auf dem Teleprompter!“ sagte Willehad und klopfte auf einen schwarzen Kasten neben sich.

„Und was mache ich hiermit?“ fragte Emma und wedelte mit den Zetteln in ihrer Hand umher oder herum. Dabei musste sie lächeln.

Dass man umher genauso benutzen konnte, wie herum, und das herum nur umher anders herum war, erfreute sie jedes Mal aufs Neue. Sie wedelte einfach weiter herum und schaute Willehad an.

„Das legst Du einfach vor Dich und guckst manchmal drauf. Menschen tendieren dazu, alles zu glauben, was irgendwer vorliest. Es ist eigentlich verwunderlich, aber Du kannst erzählen, was Du willst. Wenn Du dabei nur den Eindruck erweckst, jemand hätte das mal aufgeschrieben, dann glaubt das fast jeder. Sowas kommt aus den alten Zeiten, präinternetär sozusagen, als das geschriebene Wort noch Gewicht hatte, weil jemand, der lesen konnte, der Meinung war, eine Meldung wäre den Buchstaben wert. Du kannst erzählen, was Du willst – solange es abgelesen ist, werden sie es fressen. Hat mir übrigens dieser Kumpel aus dem Haus an der Weser erzählt!“

„In fünfzehn Sekunden!“ dröhnte es aus den Lautsprechern.

„Na, los jetzt!“ sagte Willehad und schubste Emma leicht in Richtung des Schreibtischs, ging ihr hinterher und wischte mit seiner Hand die letzen Spuren des weißen Pulvers vom Tisch.

Er schnappte sich das Walkie Talkie der Aufnahmeleiterin und sprach hinein.

„Peter, alles klar?“

„Ja, soweit schon! Wir haben nur den Vorspann vom Kinderfernsehen hier. Ist das okay?“

„Ja, muss denn wohl. Los geht’s!“ sagte Willehad und ließ das Walkie Talkie sinken. Er schaute auf den Kontrollmonitor in der Ecke des Studios. Der Vorspann begann zu laufen. Er blickte sich um: Wie automatisch hatten die Kameraleute ihre Positionen eingenommen.

Emmas Teleprompter sprang an. Das Wort „Vorspann“ lief langsam von unten nach oben über den Bildschirm. In ihrem Kopf drehte es sich. Sie konnte kaum fassen, in was sie denn nun schon wieder hineingeraten war!

Der Vorspann zeigte quietschbunte Erdkugeln, die sich drehten. Mit fetzigen Zoomeffekten á la „Google Earth“ sprang das Bild von einem Kontinent zum nächsten und schoss am Schluss auf Bremen zu. Das ganze war unterlegt mit überdrehter, dramatischer Musik. Dann eine Blende, und die unsicher lächelnde Emma war auf dem Monitor zu sehen. Sie begann abzulesen.

„Hallo Kinder! Bitte holt eure Eltern zum Fernseher. Ich werde hier auf Euch warten!“ sagte sie, der Text lief über den Teleprompter und verschwand am oberen Bildrand. Dann kam nichts mehr.

Die Sekunden krochen vor sich hin. Ein vereinzeltes Husten war aus dem Schwarz des Studios zu hören. Es kam Emma wie Stunden vor.

Endlich setzte der Text wieder ein.

„Liebe Bürgerinnen und Bürger! Sie sehen eine Sondersendung der Bundesrepublik Deutschland. Oder dem, was davon noch übrig ist. Wie Sie wahrscheinlich schon wahr genommen haben, haben sich einige Veränderungen ergeben. Wahrscheinlich haben Sie schon von den großen neuen Spaßbädern rund um den Erdball gehört. Auch wurden einige Bauwerke zerstört, die nicht so gut waren. Bevor Sie nun in Panik verfallen: Nein, es waren keine Moslems. Es waren auch keine Christen oder Buddhisten. Nebenher bemerkt, war es auch auf keinen Fall „Scientology“!

Sie stellen sich mit Sicherheit die berechtigte Frage, wozu das alles. Und wie immer, wenn etwas passiert, fragen Sie sich mit Sicherheit, wer dahinter steckt.

Um Ihnen ein bisschen die Angst zu nehmen, möchte ich Ihnen dieses kleine Kätzchen zeigen, das sich erschreckt und vom Bett gegen eine Wand springt!“

Ein Einspieler wurde abgefahren, der ein kleines Kätzchen zeigte, welches sich erschrak und gegen eine Wand sprang.

„Auch weiterhin wird keinem Kätzchen etwas passieren. Das versprechen wir. Wer wir sind, wäre jetzt eine berechtigte Frage, die Sie stellen könnten, würden Sie nicht auf dem Sofa sitzen. Nun, lassen Sie uns diese Frage für Sie stellen und beantworten!“

Ein weiterer Einspieler wurde gestartet.

Eine Kamerafahrt zeigte – wohl von einem Satelliten aus gefilmt – den Erdball und das Glimmen der gerade aufgehenden Sonne. Willehads Stimme drang aus dem Off.

„Freunde und Freundinnen, Kumpels, Kollegen, Bros, Keulen, Buddies, Compadres und Raggazi.

Wir sind der ‚Club der Spinner’!

Manch einer mag schon einmal von uns gehört haben, viele sicher nicht. Es gibt uns schon sehr, sehr lange. Wann unsere Vorfahren sich zum ersten Mal gefunden haben, wissen nicht mal wir.

Vor Urzeiten nämlich trafen sich zum ersten Mal Menschen, die unzufrieden waren, aber auch nicht genau wussten, wieso. Ein Zustand, in dem sich die Welt im Moment wieder befindet.

Wieviele Menschen kennen Sie, die zufrieden sind? Es sind wohl nicht viele. Wir fragten uns, was mag denn jeder? Und da sind wir aufs Spaßbad gekommen. Liegt ja wohl nahe! Natürlich haben wir auch über Anderes nachgedacht: Nahrungsmittel vielleicht, oder aber Medizin für Kinder in der Dritten Welt – aber man soll ja nicht gleich allzu ernst anfangen. Also, um es rund zu machen: Wir wollen, dass alle besser gelaunt sind. Ich weiß, liebe Bürgerinnen und Bürger, Daniel Küblböck hätte es fast versaut, aber ich sag einfach mal: So ganz schlecht ist positive Energie nicht! Und da positive Energie so schnell versiegt, wenn sie nicht auf Veränderung stößt, machen wir einfach auch gleich mal ganz viele Sachen kaputt – die kann man dann ja in besserer Form wieder aufbauen! Alles, was wir anbieten, ist eine Möglichkeit zur Veränderung. Denn eines muss ja jedem klar sein: Uns geht es allen sowieso viel zu gut, nur kann es kaum noch jemand sehen. Die Krise ist im Bewusstsein, nicht im eigentlichen Leben!“

Ein Assistent sprang, während das Filmchen lief, zu Emma und drückte ihr ein Kopfhörerknopf ins Ohr.

Das Filmchen zeigte weiter die Welt von oben, brach, nachdem Willehad geendet hatte, aber nach unten aus, und näherte sich, wie schon im Vorspann der Sendung, der Stadt Bremen und zoomte letztendlich zurück in das Studio. Emma war wieder zu sehen.

Wieder lief Text auf dem Teleprompter und Emma begann, laut zu lesen:

„Danke sehr für diesen Beitrag. Um uns jetzt auf den neuesten Stand zu bringen, begrüße ich am Videotelefon die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland“, sagte Emma und schaute entgeistert auf den Monitor vor sich, auf dem plötzlich in Grossaufnahme das Gesicht der Kanzlerin erschien. Erschrocken blickte sie zurück auf den Teleprompter und las weiter vor.

„Ausserdem begrüßen wir den Generalsekretär des ‚Clubs der Spinner’, Herrn Willehad. Und unsere Runde wird komplettiert durch den allmächtigen Gott Justin.“

Für die Zuschauer zuhause baute sich auf dem Bluescreen hinter Emma eine Grafik auf, auf der die Bundeskanzlerin zu sehen war. Willehad und Justin rollten mit Bürostühlen von beiden Seiten ein bißchen zu nahe an Emma heran. Eingequetscht und deshalb sichtlich unwohl blickte sie in die Kamera.

Die Kanzlerin saß vor der Kamera. Hinter ihr war das Brandenburger Tor zu sehen. Sie zuppelte noch kurz an ihrem Knopf im Ohr herum und blickte dann auf den Monitor, der wohl vor ihr stand. Sobald sie Willehad erblickte, wurden ihre Augen groß, und ihr Gesicht bekam einen auch von der Schminke kaum zu überdeckenden Rotstich.

„SIE!!!“ rief die Kanzlerin.

„Ich?“ antwortete Justin.

„Nein, ich weiß nicht, wer sie sind – ich meine diesen Flegel neben ihnen, diesen Willehad. Wenn das überhaupt sein richtiger Name ist!“

„Ähem“, räusperte sich Emma. „Mein Name ist Emma, und ich weiß jetzt gar nicht so genau …“

„Ist mir auch egal!“ empörte sich die Kanzlerin. „Ich weiß ganz genau, dass dieser Knilch hinter all dem steckt. Hören Sie mich, Willehad? Ich werde Sie finden, und dann werde ich Sie zur Strecke bringen. Mit Drohnen, wenn es sein muss!“

„Naja, mit Drohen sind Sie ja schon ganz gut. Mal sehen, ob Sie das mit den Drohnen auch so gut hinkriegen. Obwohl, wenn ich sehe, wie fett sie geworden sind, dann ist es wohl ganz klug von ihnen, sich nach einer Arbeit von zuhause aus umzusehen!“ antwortete Willehad.

Die Kanzlerin schnappte nach Luft.

„Und überhaupt“, setzte Willehad nach, „im Vergleich zu dem, was Sie so den ganzen Tag treiben, ist das, was wir machen, ja wohl eher ein sehr guter Witz!“

„Wissen Sie, wie die Welt da draußen aussieht?“ keifte die Kanzlerin. „Ganze Städte brennen!“

„Also: Das, was von den Städten brennt, sind ihre albernen staatlichen Quatschbauten, die eh keiner braucht. Da hat noch nicht eine Privatwohnung gebrannt. SIE gehen doch in andere Länder und bomben den Leuten die Häuser unter den Hintern weg. Worin Sie alles verwickelt sind, das geht ja auf keine noch so fette Kuhhaut. Sie machen doch Krieg! Sie verkaufen doch die Panzer und die Waffen. Sie machen doch, dass alle Menschen schlechte Laune haben. Sie machen doch, dass alle Angst haben. Das ist doch Ihr einziger Regierungsauftrag: Angst machen!“

„Ach, sie haben sie ja nicht mehr alle.“ antwortete die Kanzlerin „Ich mach sie fertig. Ich mach sie kaputt! Bei Gott, das schwöre ich ihnen. Sie hauen mir nicht mein Land kaputt!“

„Also“, mischte sich nun Justin ein, „bei Gott, das wäre dann ja wohl ich, und das muss ich jetzt auch mal sagen, auch wenn es nicht direkt zum Thema passt: Dieses ganze Auf-mich-schwören, das geht nicht. Was soll das überhaupt sein, Schwören? Erwarten sie ernsthaft, dass ich Sie bestrafe, wenn Sie den guten Willehad jetzt nicht „kaputt“ machen? Und was ist das überhaupt für eine Ausdrucksweise für eine Regierungschefin?“

„Wer sind Sie denn jetzt auch noch?“ fragte die Kanzlerin.

„Ich bin Gott!“ sagte Justin.

„So ein Blödsinn – sie sind Gott! Erstens habe ich wirklich Besseres zu tun, als mich mit Spinnern wie ihnen herumzuschlagen, und zweitens kommt Gott nicht auf die Erde. Wenn es hoch kommt, dann schickt Gott seinen Sohn, und davon, dass der wieder da wäre, hat mir noch keiner was erzählt, und mein Vater ist immerhin Priester, und ich kenne auch einen ganzen Haufen Leute!“ schmetterte die Kanzlerin.

„Und zweitens?“ antwortete Justin.

„Was?“ fragte die atemlose Kanzlerin.

„Na, Sie können doch nicht „erstens“ sagen, und dann kein „zweitens“ folgen lassen. So geht das nicht!“ antwortete Justin.

„Aber auch egal! Ist mir eigentlich auch wurscht, ob Sie das glauben oder nicht. Und was den Propheten angeht, den würden Sie doch nicht mal erkennen, wenn er Ihnen mit dem blanken Hintern ins Gesicht spränge, Sie verhärmte protestantische Pute! Was glauben Sie denn eigentlich? Wenn ich mir die Art angucke, wie Sie an mich glauben, dann krieg ich ja das kalte Kotzen!

Protestantenpack!

Alle schlecht gelaunt, alle immer schuldig bis zum Anschlag! Die Häuser, die Ihr für mich gebaut habt, sehen aus wie ein Versuch, mir noch schlechtere Laune zu machen, als ich eh schon habe, und alles, worauf Ihr Euch freut, ist der Tod. Als Gott der Protestanten  fühlt man sich echt wie „Dresden 45“! Da lob ich mir sogar die Katholiken, die geben mir Kekse und gehen wenigstens fett und gut gelaunt in den Untergang. Die Vermutung, dass ich Euch geschaffen hätte, damit es Euch schlecht geht, bringt mich echt in Versuchung, mal wieder eine Sintflut loszuschicken!“

Nun ging Emma dazwischen.

„Sehr verehrter Herr Justin. Das geht jetzt doch ein bisschen weit und am Thema dieser Sendung vorbei!“

„Was ist denn das Thema?“ fragte Willehad.

„Das Thema ist: Es gibt kein Thema, oder anders gesagt, der Witz ist, dass Ihr den Witz nicht versteht!“ sagte Emma – eigentlich auch nur, um die Chance wahrzunehmen, dass endlich mal was Lustiges im Deutschen Fernsehen gesagt wurde.

Kanzlerin, Willehad und Justin schauten sie ausdruckslos an.

„Folgendes, Frau Kanzlerin!“ durchbrach Willehad die Stille.

„Nix hier: Folgendes!“ mischte sich der nun offensichtlich aufgebrachte Justin wieder ein. „Gucken Sie mal hinter sich!“ sagte er, und tatsächlich drehte die Kanzlerin ihr Gesicht zum hinter ihr stehenden Brandenburger Tor.

Erst klein, wie eine winzige graue Wolke war ein heller Fleck am Himmel zu sehen, der langsam immer größer wurde. Der Fleck fiel vom Himmel und dachte sich auch nur: „Nee, nicht schon wieder!“ Kurz musste er über den Sinn des Lebens nachdenken. Dann fiel ihm ein, dass er schon mal darüber nachgedacht hatte, und dass eben dies auch nur dazu geführt hatte, auf irgendeinem Planeten sinnlos zu zerschellen. Trotzdem schaute er kurz an sich herab, bemerkte, dass er ein Wal war und schon wieder mit einer Wahnsinns-Speed in irgendeine Schwerkraft geraten war. Ein Irrsinn war das alles! „Und die Antwort auf alles? Na klar: Liiiieeeebbbbbeeeee!“ dachte er sich und blickte sich nur mal so zur Abwechslung um, sah noch viel mehr Wale vom Himmel fallen und schlug nur Augenblicke später mit voller Breitseite ins Brandenburger Tor ein. Brocken des alten Preußendenkmals stoben über die „Straße des 17. Juni“ und prasselten gegen die Panzerglasscheibe des ARD-Hauptstadtstudios. Es folgte ein Moment der Stille, dann schlug der Rest der Walflotte in die anderen überbewerteten Stadtteile der Stadt Berlin ein.

„Hätte ich auch mal früher drauf kommen können!“ dachte sich Justin. „Wale statt Frösche – kommt echt besser!“

Fassungslos drehte sich die Kanzlerin um und starrte wortlos in die Kamera. Langsam öffnete sie den Mund, und ihre Lippen formten ein „Was zum Teufel?“

„Ha! Siehste! Jetzt ist wieder Teufel! ‚Was zum Gott!’ – das wäre doch mal was! Bei allen guten Sachen sagt immer jeder ‚Was zum Teufel!’ Naja, kannste mal sehen! ‚Was zum Gott!’ – merk Dir das!“ sagte Justin und starrte wütend in die Kamera.

Frostiges Schweigen machte sich unter den Beisitzern breit. Der Teleprompter sprang wieder an. Emma begann zu lesen.

„Hiermit berichten wir, dass es auf der Welt keine Kriege mehr gibt. Es hat ab diesem Moment auch jeder was zu Essen, besonders die Kinder in Afrika und Südost-Asien. Alle Frauen auf der ganzen Welt sind jetzt gleichberechtigt, und wir stehen überhaupt am Anfang des Zeitalters der Frauen. Es gibt keine Hautfarben mehr. Krebs und Aids sind besiegt. Alle haben gleich viel Geld. Und alle sind verliebt!“ endete Emma.

„Will noch wer was sagen?“

Schweigen war im Raum. Eine Plastikinsel trieb über den Pazifischen Ozean. Ein Wal lag sterbend, aber gut gelaunt in den Ruinen des Brandenburger Tors.

Er lächelte. So, wie nur Wale lächeln können.

____________________________________________________________

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s