Bomben auf Utopia, Tag 13

Tag 13 (23.2.2012)

Ich bleibe oft lange auf, trinke viel und schäme mich für uns alle!“

 „Ach Gottchen – Österreich!“ dachte sich Justus auf der Rückbank von Steffis pinkem Fiat Panda.

Ach Gottchen – Österreich!“

Herrlich!“

Das war nicht das erste Mal, dass er das hier alles erleben durfte, so schön wie es war. Und das war es tatsächlich im Vergleich zur Norddeutschen Tiefebene, in der er geboren worden war.

Der eigentliche Unterschied bestand hauptsächlich in der Topografie, zumindest in den bergigen Regionen.

Am Fuße von Bergen aufzuwachsen, das war schon etwas Besonderes, das war so ein Gefühl von Geborgenheit. Im Grunde genommen das Gleiche wie ein Kinderzimmer mit Ausblick auf eine Wand in einem Hinterhof, nur halt eine wunderschöne Wand – ein Berg eben, oder eine schöne Wand, auf die man immer und immer wieder schauen konnte.

Häuserschluchten und wirkliche Schluchten oder auch Täler – in ihnen zu wohnen sprach ein ähnliches Gefühl an, nur das man auf Berge hinaufklettern konnte – die Möglichkeit bestand jederzeit.

Die Möglichkeit, auf das Mehrfamilienhaus gegenüber in der Großstadt zu klettern, bestand zwar auch, aber das machten dann doch die wenigsten, was daher kommen mag, dass die Stadtbevölkerung im Grunde ihres Herzens sehr viel langweiliger ist als die alpine Dorfbevölkerung.

In der Großstadt, da ging man nicht mal eben hinüber, um zu klingeln, um zu gucken, wer da denn so wohnt. Einfach mal eine Zeit damit verbringen, sich die Gegend von oben anzugucken – in den Bergen tun sie das durchaus!

Man tat es halt viel zu selten, aber die Möglichkeit, die war immer gegeben – aber irgendwas kam ja dann doch immer dazwischen. Man macht ja doch nie das, was gut für einen wäre, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Ärgerlich, aber: Ist halt so! Was willste da machen?

Tatsächlich war es das erste Mal seit Jahren, dass Justus sein Zuhause verließ, seine Heimat, wenn man so wollte. Man denkt da ja oft daran, wegzugehen, für eine kurze Zeit oder für eine lange. Wer träumt denn nicht davon, alles hinter sich zu lassen? Oder, vielleicht nicht alles hinter sich zu lassen, aber – was ja auch schon schön wäre – nur die guten Sachen mitzunehmen und die schlechten daheim zu lassen!

Eigentlich kann man Mietnomaden ganz gut verstehen, weil irgendwo in sich drin, da ist ja eigentlich jeder ein Mietnomade, allemal was die Gefühle angeht, weil: Wenn einer stirbt, sprich: aus seinem Körper auszieht, dann ist zwar meistens die Wohnung, in der er stirbt, aufgeräumt, aber im Körper und im Kopf drinnen, da ist ja alles unaufgeräumt, da ist ja bei weitem nicht alles geklärt, wenn man stirbt.

Da ist es ja meistens eher so, dass es einem ziemlich egal ist, wie es in ihm aussieht, weil: Wenn du stirbst, dann ist das mit der Unordnung ja egal. Wer wohnt schon noch in deinem Körper, wenn du tot gehst? Maden und Würmer. Und die räumen bei sich zu Hause ja auch nicht auf!

Sagt man ja so: Das letzte Hemd hat keine Taschen, und man sagt ja auch, dass das einzige, was von einem nach dem Sterben noch bleibt, dasjenige ist, was man verschenkt hat. Und wenn einer sowas sagt, dann wird das von den Hinterbliebenen ja als weise oder wenigstens als klug empfunden.

Aber sag zu deinem Vermieter mal: „Ach, wissen sie, ich zieh’ aus. Bei mir zu Hause, da sieht es ziemlich übel aus, aber ich schenke ihnen meine Sachen einfach, weil ich das alles nicht mehr brauch’ und ich gerne nur mit frischer Unterwäsche und ein paar Wechselhemden umziehe!“

Da musst du dir dann mal das Gesicht von dem Vermieter anschauen – das findet der gar nicht lustig. Da sagt auch keiner: „Mein Gott, was für ein kluger und weiser Mieter!“ Da sagt der Vermieter eher zu seiner Frau: „Schatz, such mal die Nummer von RTL2 heraus – wir haben da was für die Schweine!“

Justus schaute aus dem Fenster des Autos. Langsam war es tatsächlich sehr hell draußen geworden, und die schneebedeckten Berge spiegelten das Licht auf die Straße. Es war eisig kalt, das sah Justus an den weiss qualmenden Auspuffen der Fahrzeuge vor ihnen, die sich ebenfalls mühsam in die Höhenregionen der Alpen schleppten.

Ein Wasserfall versuchte von einer Steilwand zu stürzen, aber ließ sich von der Eiseskälte aufhalten und stand jetzt einfach so gefroren in der Landschaft herum, so als hätte er sich nach einem anstrengenden Jahr gedacht: „Es reicht jetzt aber auch mal, ich muss nicht immer ein schönes herunterfallendes Wasser sein – ich mach’ jetzt mal Pause. Ich mach’ das nächstes Jahr fertig!“

Maik, der vorne im Auto neben Steffi saß, zückte sein Telefon und schaute in den Routenplaner, drückte ein paar Tasten, und sogleich fing eine Stimme an zu quatschen, dass sie rechts abfahren sollten.

Es war nicht die typische Navigationsstimme, die sie im Auto hörten, sondern eine mächtige, tiefe Stimme, die vor lauter Hall kaum zu verstehen war:

HÖRT IHR SCHLECHT? FAHREN SIE JETZT RECHTS AB. SIE HABEN GLEICH IHRE BESTIMMUNG ERREICHT!“

Was ist denn das für eine Stimme?“ fragte Steffi

Tz, tz, tz!“, sagte Maik arrogant überlegen.

Irgendwann“, antwortete er, „irgendwann haben sie mal eine Umfrage gemacht, beziehungsweise haben sie tausend Menschen darum gebeten, sich mal vorzustellen, wie Gott klingen würde, wenn er direkt mit ihnen reden würde. Fast alle haben ihre Stimme ganz tief gemacht und gesagt: „Ich glaube, wenn Gott redet, klingt das immer, als würde er in einem riesengroßen, verlassenen Hallenbad sitzen!

Dann haben sich so App-Programmierer überlegt: ‚Das kommt ja gut!’

Normalerweise hört ja kaum einer auf diese automatischen Ansagen.

In den Achtzigern haben die meisten Straßenbahnen ja schon ihre Ansagen umgestellt von Männer- auf Frauenstimmen, weil man immer eher drauf hört, wenn die Mama was sagt, als wenn der Papa was sagt.

Aber das ist ja mit den vielen alleinerziehenden Vätern auch anders geworden – da muss man dann halt manchmal auf den Papa hören, als wäre er eine Mama. Also, was willst du machen: Du brauchst ja eine Stimme, die alle ernst nehmen, falls es mal brennt oder der Krieg anfängt oder halt auch, wenn so ein Navigationsgerät mal wirklich will, dass man nach rechts fährt, weil: So ein Navi, das kommt sich ja auch dumm vor, wenn es immer sagt: ‚Rechts, rechts, rechts!’ Und jeder Mensch glaubt: ‚Pah! Das weiß ich ja wohl besser, Computer – ich bin ein Mensch und du kannst mir gar nichts!“ sagte Maik.

Von hinten schaltete Justus sich ein:

SCHAU DICH UM, GOLDENER ROBOTER, SIEH DIE HERRLICHKEIT DES MENSCHEN, DEN KRISTALLKLAREN SOUND SEINER STIMME, DEN VERSTAND, DEN GEILEN BODY. GOLDENER ROBOTER, SO KANNST DU NIE, SO WIRST DU NIE SEIN KÖNNEN. DENN WIR, WIR SIND DIE MENSCHEN. UND WIR, WIR SIND UNBESIEGBAR!”

Richtig“, sagte Maik, „so sind sie ja manchmal drauf, die Menschen. Und wenn sie schon keine Angst mehr vor Robotern haben, dann ist die Idee ja sehr gut: Man nimmt die Stimme von Gott im leeren Hallenbad auf. Da hört ja jeder drauf, weil: Glauben, das will ja jeder gerne. Und weil: Glauben an Gott, das tut ja jeder, dem keiner die Chance gegeben hat, mal anständig an ihm zu zweifeln!“

Ich“, sagte Maik, „ich hab jetzt die Stimme von Gott für das Navigationsgerät und für meinen sprechenden Terminkalender, weil ich oft keinen Bock habe, Sachen zu machen, die ich mir schon lange vorgenommen hatte. Wenn dann aber die Stimme von Gott zu mir spricht, da kann ich nicht anders, weil: Mit Gott zu streiten, das bringt nichts. Frag’ mal die Verrückten im Irrenhaus!“

JETZT AUF DER RECHTEN SPUR BLEIBEN UND IN RICHTUNG LASCHENNIPPELBERG ABFAHREN!“ gröhlte Gott quer durch das Auto – so göttlich, dass Emma auf der Rückbank endgültig aufwachte.

Wo sind wir denn?“ fragte sie in die Runde.

Krüger hat mir geschrieben“, antwortete Maik.

Wir fahren hier auf den Parkplatz – unten an der Talstation liegen Skioveralls für uns bereit. Krüger schreibt, wir sollen die anziehen, erstens weil’s kalt ist da oben, und zweitens, weil er jeden erschießt, der sich ohne diese speziell gefärbten und designten Overalls seinem Haus auf dem Berg nähert!“

Erschießen? Soso!“ sagte Justus und wollte sich damit über Maik lustig machen, aber tatsächlich hatte er schon mal darüber nachgedacht: „Wenn nämlich mal Krieg ist, dann ist aber hier im Westen ganz schön was los. Wenn sonstwo auf der Welt Bürgerkrieg ist, dann ist das anders als hier, weil: Da sind sie dann irgendwie skrupelloser und schicken irgendwelche Kinder mit Kalaschnikows in den Dschungel, und die haben dann Angst und verstehen gar nicht, was sie da tun und rennen einfach planlos rum und ballern sich auf irgendeine Art und Weise gegenseitig um. Und denen wird das ganze Leben versaut, weil: Auch wenn der Krieg zu Ende ist, haben sie ein Trauma, und was sie da getan haben, als Krieg war, das verstehen sie bis sie sterben nicht.

So wie im Zweiten Weltkrieg hier in Deutschland haben ja auch alle gewusst, was passiert, aber verstanden haben sie es ja bis zum Ende nicht – also nicht Kriegsende, sondern Lebensende, und wenn ein Mensch mal einen anderen erschossen hat, dann ist das mit dem guten Leben ja auch vorbei. Musste ja immer dran denken! Da ist dann nichts mehr mit Unschuld und eine gewisse Menge Kindlichkeit bewahren. Wenn du willst, dass einer ganz schnell erwachsen wird: Knarre in die Hand, Feind vor die Flinte, abdrücken und ‚good bye’ schöne Kindheit!

Schockreife“ nennen das die Psychologen.

Aber das ist heute und in der westlichen Computerwelt ja irgendwie anders, weil die ganze Jugend zuhause sitzt und übt für den Krieg: Die sitzen da und bilden freiwillig militärische Überfallkommandos, sitzen stundenlang rum und machen Strategien und sprechen sich ab und sind unglaublich organisiert. Da waren Hitlerjugend und Militärakademie ja Haupt- und Sonderschule dagegen!

Wenn da einer kommt und sagt: „Jetzt ist Krieg in Deutschland!“, dann springen die ja auf und wissen – zumindest theoretisch – was sie tun müssen!

Weil: Lustig ist ja, das ist ein besonderer Blick, den die entwickelt haben, so eine spezielle Ansicht auf die Straßen und Häuser, in denen man sich im Alltag halt so aufhält.

Graffiti-Leute kennen das, Skateboarder kennen das auch: Die gucken dann, was man anmalen kann oder wie man wo auf dem Skateboard hoch und runter fahren kann, aber die mit den Computerspielen, die gucken immer, wo kannste dich verstecken, wo ist gute Deckung, von wo kannste wen gut erschießen, wo müssen die anderen Soldaten hin, um so einen Krieg zu gewinnen?“

Gruselig!“ dachte Justus noch und schaute weiter aus dem Fenster in die Berge hinein und musste an die österreichischen Gebirgsjäger denken, die immer wieder in Umfragen zur besten militärischen Sondereinheit weltweit gewählt wurden.

Wer solche Umfragen startete, war natürlich immer wieder fragwürdig: Bestimmt die Leute, die immer in Fußgängerpassagen stehen und Umfragen machen.

Junge Dame, sagen sie doch einmal, was ist ihre liebste militärische Sondereinheit?“

Die Gebirgsjäger!“

Ja, das sagen viele!“

Und Mossad!“

Ja, sagen auch viele, also insgesamt: Die hier in Deutschland eher nicht!“

JETZT ENDLICH RECHTS!“ schrie jetzt das göttliche Navigationsgerät in Maiks Handy, und Steffi bog von der Autobahn in Richtung Talstation Laschennippelberg ab. Sie fuhr auf einen Parkplatz, die Sommerreifen drehten durch, und sie kam in einer Parkbucht zum Stehen.

Maik öffnete die Tür, setzte einen Fuß aus dem Wagen und wollte aufstehen, doch rutschte sein Fuß aus und ließ ihn aus dem Auto fallen – halb überschlug er sich und kam mit dem Kinn auf dem Beifahrersitz zum Liegen.

SIE HABEN IHRE BESTIMMUNG ERREICHT!“ schrie das Telefon, dass er noch in der Hand hielt. Er rappelte sich hektisch auf und schaute auf das Smartphone in seiner Hand.

Krüger hat geschrieben. Wir müssen erstmal in die Station zu den Schließfächern. Das muss irgendwo dahinten sein!“ sagte er.

Steffi stieg aus dem Wagen und klappte ihren Vordersitz um, damit Emma und Justus das Fahrzeug ebenfalls verlassen konnten. Alle liefen um das Auto herum und standen vor der Hinterklappe des pinken Fiat Panda.

Als Justus die Heckscheibe in der Reflektion der Sonne gedankenversunken noch einmal genau anschaute, bemerkte er, das dort noch die letzten Klebstoffreste eines alten „Böhse-Onkelz“- Aufklebers klebten, und – da hatte er noch gar nicht drüber nachgedacht -: Wenn er jetzt durch die Rückscheibe hindurchschaute, sah er durch die dezenten Klebereste hindurch die „Diddl-Maus“ auf der Hutablage sitzen, und wirklich: Auf eine wirklich gruselige Art war es ja ein Schlag Mensch, der „Diddl-Mäuse“ und die „Böhsen Onkelz“ sympathisch fand!

Ein „Onkelz“-Fan, der sich zu sehr betrunken und dann irgendwen tot geschlagen hat, schenkt seiner Freundin, meist auf dem Lande, um sie um Verzeihung zu bitten, eine „Diddl-Maus“ von der Dorftankstelle mit einer dieser „Liebe ist…“-Karten aus der BILD. Da schreibt er dann auf die gepunktete Linie hinter dem „Liebe ist“: „Liebe ist, wenn ich dich nicht auch tot schlage, weil ich dann obdachlos wäre!“ und überreicht das alles zusammen mit einer einzelnen roten Rose.

Diddl“ ist alles, was dem Nationalisten noch bleibt, wenn er sein Junggesellendasein aufgibt!

Justus stand zusammen mit den anderen auf dem verschneiten Parkplatz, hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und war seinem Leben dann doch dankbar, weder in „Diddl“ noch in Dummheit einen Hafen gefunden zu haben.

So was geht schnell,“ dachte er sich. „Zum Beispiel, wenn einer sich über Dialekte lustig macht, dann ja immer nur so lange, bis er sich in einen Menschen mit Dialekt verliebt, denn die Liebe – da kannste ja nichts machen -,die ist einfach so!

Wenn ein Mensch die Schwulen hasst, dann kann er nur solange hassen, bis er einen trifft, der zu toll ist, um ihn zu hassen, und wenn einer die Schwarzen nicht mag, der muss nur mal ohne seine dummen Freunde in die Lage gebracht werden, von Idioten ungesehen sich vergucken zu können. Dabei ist der Liebe das ganze Rumgebumse und Geflirte und Gesexel (BILD) ja egal.

Die Größe einer Liebe kann man ja direkt daran messen, wie egal ihr etwas ist.

Liebe und Sex lassen sich ja nur so einfach vertauschen, weil mal jemand gemerkt hat, dass sich mit Sex mehr Geld verdienen lässt, weil: Die Liebe, die braucht kaum käufliche Hilfsmittel.

Vielleicht ist das Wort Liebe ja auch einfach nur ausgelutscht!“ dachte sich Justus. Vielleicht war das der Grund, warum Justus immer der Meinung war, das ihm „cool“ wichtiger wäre. „Cool“ war für Justus gleichbedeutend mit Liebe. Eine unabschirmbare Kraft, die jedem innewohnt, der sie zulässt, weil es ihn nicht mehr juckt, was die anderen sagen.

Ins ‚cool’ sollte man sich nicht reinquatschen lassen. Genauso wenig wie in die Liebe!“ dachte er sich und schaute Emma an, die fröstelnd neben ihm stand.

Maiks Handy quatschte wieder los:

LOS, ICH HAB EUCH DAS LEBEN NICHT ZUM RUMHÄNGEN GESCHENKT!“ quäkte die Gottstimme aus dem Telefon, und Justus wollte Maik das Ding aus der Hand reißen und in die nächste Gletscherspalte schmeißen. Doch der zog die Hand zurück und Justus griff ins Leere.

HA!“ rief Maik.

HA!“

Ach, leck‘ mich!“ sagte Justus und hatte – wenn er sich diesen Typen ansah – all die netten Liebesüberlegungen wieder vergessen.

Die einzige noch unbesiegbarere Macht als die Liebe blieb immer noch der Alltag und die nahezu unendliche Menge an Idioten auf dem Erdball!

Pff!“ sagte Maik. „Du mich auch! Wir müssen gehen! Nerv‘ nicht!“

Er stapfte los und stieß die Tür zur Skistation auf. Die anderen folgten ihm und durchquerten den Hauptflur, in dem sie fast von den anwesenden Skifahrern umgerannt wurden.

Justus schaute sich um und war wie immer, wenn er sie sah, verblüfft, wie wenig sich die Skifahrer darum scherten, wie sie aussahen. Das war so ähnlich wie im Freibad: Da waren auch alle plötzlich nackt, obwohl sie nur zwanzig Meter von der Strasse entfernt waren, wo sie für ihre Nacktheit wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit verhaftet worden wären!

Einen Skifahrer würde niemand verhaften! Zum Glück für diese Leute war das mit dem seltsamen Aussehen ja nicht verboten, aber lustig waren sie schon, diese Menschen, die ihre riesengroßen Skistiefel nicht auszogen und wie Cowboys durch die Talstation schritten!

Es klackerte rund um die Vier herum, als wären sie auf einem Ball, auf den allerdings nur Schwergewichtige mit hochhackigen Schuhen eingeladen zu sein schienen, denn das Geräusch von riesigen Skischuhen: Es ist schon ähnlich, aber doch nicht das gleiche wie das Geklacker der Stilettos einer stilvollen Dame.

Ganz verwirrt standen sie im Gang herum, bis Maik den Raum am Ende des Ganges entdeckte, der bis unter die Decke mit Spinden vollgestopft war.

Die Nr. 263 ist es!“ rief er und bahnte sich seinen Weg durch die Umkleide, welche, wie es schien, bis unter die Decke vollgestopft war mit Wintersportlern in Unterwäsche und Skistiefeln. Das war absurd genug, um Steffi und Emma zu verwirren und Justus leicht sexuell zu erregen.

Maik aber hatte nur Augen für den Spind 263. Alle vier drückten sich mit viel Körperkontakt an den halbnackten Sportlern beider Geschlechter vorbei in Richtung ihres Spindes.

Maik duckte sich zum Zahlenschloss des Spindes 263 hinab und klemmte die Zunge in seinen Mundwinkel. Das war sein typisches Gesicht, wenn er der Meinung war, etwas Hackermäßiges zu tun, obwohl er nur wieder etwas Alltäglich-Langweiliges mit Tasten machte.

Die Köpfe von Emma und Steffi und Justus scharten sich um die Spindtür, Maik drückte die Zahlentasten „4 8 15 16 23 42“. Anschließend berührte er den kleinen grünen Knopf, und die Tür sprang mit einem leichten Summen auf.

Eine Flut von Farben sprang den Vieren aus dem Spind ins Gesicht.

Nicht dein Ernst!“ sagte Justus.

Quatsch nicht! Welche Farbe?“ sagte Maik und nahm die vier quietschbunten Dinger aus dem Spind: Vier Overalls mit den dazugehörigen Helmen und großen, puscheligen Schuhen.

Nein!“ sagte Justus.

Man, jetzt nerv nicht, ich bin nicht bis nach Österreich gegondelt, um mir Dein Genörgel anzuhören! Ich nehm’ Gelb!“ sagte Steffi.

Ernsthaft, sei mal nicht so eitel, du Vogel!“ lachte Emma und drückte ihm den lilafarbenen Anzug in die Hand. „Hier, Lila, da steht Ihr depri Künstlertypen doch drauf!“ sagte sie, während sie schon in Unterwäsche da stand und ein Bein in den roten Overall steckte.

Maik entledigte sich sorgsam seiner urbanen Tarnkleidung, die er immer noch trug, die aber mittlerweile sehr mitgenommen aussah. Er nahm den mit Backsteinen bemalten Hut ab und platzierte ihn vorsichtig im Spind – dann stieg er in den grünen Overall. Die anderen taten es ihm gleich, legten ihre Kleidung ebenfalls in den Spind und klemmten sich die Skihelme unter den Arm.

Maik schloß den Spind und schaute auf sein Telefon.

Gut!“ sagte er. „Wir steigen nun in den Sessellift und fahren zur Bergstation rauf. Wir verlassen die Bergstation in Richtung Südwesten, wandern um den Grat herum, und wenn wir dann in Richtung Berggipfel schauen, müssten wir dort schon Krügers Haus sehen. Dann rufe ich an, und er gibt uns ein Zeichen.“

Na denn!“ sprach Justus, der jeden Widerstand aufgegeben hatte und jetzt tatsächlich den lilafarbenen Anzug trug. Ihm war das alles zu blöd, um überhaupt noch irgendein Gefühl von Scham verspüren zu können.

„Bloß weiter!“ dachte er sich – vielleicht hörte das ja alles irgendwann von alleine auf!

Sie begaben sich zur Seilbahn, kauften Tickets am Schalter und drängelten sich in ihren wirklich wahnsinnig bunten Skianzügen zu den Gondeln.

Bitte setzen Sie ihre Helme auf!“ sagte der jugendliche Liftboy, als die Vier vor den Drehkreuzen standen und auf ihre Gondel warteten. Die Helme! Vor lauter Aufregung hatten sie vergessen, dass sie diese immer noch unter dem Arm hatten!

Keine Mitfahrt ohne Helme!“ rief der Liftboy.

Maik im grünen Anzug setzte als erster seinen Helm auf, und erst da fiel ihnen auf, dass oben auf dem ebenfalls grünen Helm ein langer grüner Stachel angebracht war, ebenso auf dem gelben Helm von Steffi ein gelbes langes Schweineschwänzchen, auf Emmas rotem Helm ein großer roter Kreis und auf Justus’ lilafarbenen Helm ein doch sehr auffälliges lilafarbenes Dreieck.

HAHAHA!“ lachte der Liftboy, und Justus schaute ihn giftig an.

Auf die Dinger! Helmpflicht ist Helmpflicht!“ rief der Liftboy dann, und bevor Justus ausfallend werden konnte, kam der Sessellift angegondelt und schlug den Vieren, die nebeneinander standen, in die Kniekehlen und schleppte sie schwankend und knarzend in Richtung Gipfel.

Schön war er schon, der weite Ausblick über die Berge!

Und als Justus nach links und rechts blickte und die bunten Menschen neben ihm sah, hatte er diese Einsicht, die göttliche Vision, dass das Leben eigentlich viel zu albern war, um nicht gut gelaunt zu sein.

Das bedeutete allerdings nicht, dass er in Lage gewesen wäre, gut gelaunt bei dem alpinen Sportalbereien mitzumachen, mit denen Emma und Steffi und Maik jetzt begannen!

Tatsächlich hatten sie sogar plötzlich irgendwoher eine Flasche Sauren und zwitscherten in bester Aprés-Ski-Manier erstmal einen. „Was soll’s?“ dachte sich Justus und nahm einen tiefen Schluck, als Emma ihm die Flasche unter die Nase hielt.

Der Lift stockte abrupt an der Bergstation – sie stiegen aus, und begannen durch den Schnee zu stapfen, Richtung Südwesten. Sie versanken mit den großen Schuhen, die zu ihren Skianzügen gehörten, kaum im Schnee und liefen eine Viertelstunde um den Grat des Berges herum, bis oben am Kamm ein Blockhaus in Sicht kam.

Maik zückte das Telefon.

Rufe Krüger an!“ sagte er ins Telefon.

Rufe Mutter an!“ gab das Telefon zur Antwort, und hektisch hämmerte Maik solange auf der Auflegetaste herum, bis die Stimme aus dem Telefon antwortete: „Nur Spaß – rufe Krüger an!“

Krüger?“ sagte Maik ins Telefon.

Krüger, wir sind da!“

Die vier schauten zum Haus hinauf, und eine Tür mit „World-of-Warcraft- Schnitzereien öffnete sich. Ein blasser, dünner, nackter Mann, der eine Schrotflinte bei sich trug, stapfte heraus und näherte sich ihnen den Berg hinunter. Er tapste auf die vier bunt gekleideten Freunde aus dem Club der Spinner zu, zeigte mit dem Finger auf sie, fing schreiend an zu lachen, rief „TIPSY! LALA! TINKY WINKY! PO! – DAS WAR ES WERT!“, lud seine Schrotflinte durch, steckte sie in den Mund und drückte ab.

Ein Knall erschütterte den Berg, und mit aufgerissenen Mündern schauten Justus, Emma, Maik und Steffi auf den kaputten Einsiedler, der bis vor ihre Füße gerollt war.

Dann hörten sie ein dumpfes Grollen und hoben den Blick.

Staunend sahen sie die meterhohe Schneelawine auf sich zu rasen.


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