Bomben auf Utopia Tag 11

Tag 11 (9.2.2012):

Bremer Underground: Geschichte, Gegenwart, Zukunft.

„Cool!“, hatte Justus gesagt und das tatsächlich auch so gemeint.

Der Ort, an dem sich Justus und Emma und Steffi und Maik hier

befanden, war vollkommen abstrus. Irgendwie war alles sehr

schnell gegangen. Irgendwie war das alles jetzt gerade mal vierzig

Minuten her, dass Justus – gewollt gelangweilt, wie er halt

normalerweise durchs Viertel stapfte – zum Eck gegangen war, nur

um ein bisschen Sylvester zu gucken.

Was dieses ganze Neujahrsgedöns sollte, fragte er sich. Das war ja

der gleiche Unsinn wie Geburtstag zu feiern – vollkommen sinnlos!

Hätte Justus selbst die Zeitrechnung erfunden, dann wäre das was

anderes gewesen, dann würde es Zweitausendzwölf nach Justus heißen,

und dann hätte er sich überlegt, alljährlich zu seinem Geburtstag in eine

Hochstimmung zu geraten – aber so? Wofür denn?

Der Mensch feiert in der Mitte seines siebenundzwanzigsten

Lebensjahres den zehntausendsten Tag seines Lebens – das

bedeutet, er hat Zehntausend mal die Sonne aufgehen gesehen. Das

wäre doch ein Wert, an dem man sich erfreuen könnte!

Quellen munkeln, dass dies der Grund war, dass so viele Große mit

Siebenundzwanzig gestorben waren: Cobain, Hendrix, Winehouse,

Joplin, James Dean.

Aber für Justus war der zehntausendste Tag schon vorbei, und er

hatte sogar das zu feiern vergessen!

Heute war er wie immer hinausgegangen, um sich so ein bisschen

die Menschen anzuschauen und die meisten von ihnen nicht zu

mögen. Das war irgendwie ein bisschen sein täglich Brot gewesen

und hatte ihn in seiner Einstellung der Welt gegenüber bestätigt.

Und Bestätigung, das war ja immer eine gute Sache – absolut

zweitrangig, ob jetzt im Guten oder im Schlechten.

Wenn einer annahm, dass die ganze Welt und ihre Menschen in

erster Linie doof und anstrengend waren, und sich vornahm, diese

Annahme jeden Tag zu bestätigen, dann war das eigentlich ein

ebenso gutes Gefühl wie das Gefühl eines Menschen, der alles toll

und bunt und schön und angenehm finden wollte.

Wenn so einer vor die Tür ging und alles als toll und bunt und

schön und angenehm empfinden und fühlen wollte, dann war das die

gleiche Bestätigung!

Im Großen und Ganzen geht es ja darum, sich bestätigt zu fühlen,

ob im Guten oder im Schlechten. Das wichtige ist ja, Recht zu behalten

und zu wissen wo man steht.

Sich selbst zu kennen und der Meinung zu sein, mit der Art und

Weise, in der man lebte, Recht zu haben, das war ja ein großer

Schritt hin zur Zufriedenheit – und Zufriedenheit und Glück – das

lernte man ja im Alter -, das ist ein und dasselbe, denn zufrieden zu

sein bedeutete, das Beste aus allem, was man konnte, gemacht zu

haben.

Was heute Abend geschehen war, war wirklich alles sehr schnell

gegangen:

Justus kam ans Eck. Zufällig waren da diese Leute aus seiner alten Heimat, die er nun tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen und deshalb fast vergessen hatte. Aber da bestand ein Band zwischen ihnen, so ein Band, was irgendwie nur eine gemeinsame Herkunft schmieden kann.

Jemanden aus Tenever in der Innenstadt zu treffen, das war

ungefähr so, wie in Nepal oder Thailand andere Deutsche zu

treffen: Es ist anstrengend und peinlich – man lehnt ihre

Einstellungen ab und kann sich herrlich darüber aufregen, wie sie

ihr Leben verschwenden. Herrlich kann man sich aufregen über

Leute, die so sind wie man selber und doch alles falsch machen.

Man hat das Recht, sie abzulehnen, man hat das Recht, sie zu

Beurteilen – in erster Linie aber hat man das Recht, sie abwertend zu

beurteilen. Man hat das Recht, sich über sie lustig zu machen und

ihnen Dummheit zu unterstellen, aber irgendwie wird man das

Gefühl einer gewissen Nähe trotzdem nicht los. Das ist wie in einer

großen Familie, die sich zerfleischt und sich hasst, sich gegenseitig nur

das Böseste unterstellt und dennoch nicht von einander lassen

kann, weil jeder in dieser Familie das Leben des anderen

nachvollziehen kann. Und dieses Verständnis, die Fähigkeit, den

anderen zu verstehen, genau diese Fähigkeit, die eigentlich niemand

haben will, schweißt zusammen!

Ob nun Menschen irgendwo auf dem Globus, die aus einem Land

kamen und sich peinlich waren, sich aber trotzdem wie durch Zufall

zum Beispiel auf Goa trafen, oder eben vier seltsame Leute, die

aus Tenever kamen und sich wie durch Zufall am Eck trafen, das

war egal, das war eine Suppe. Ob man nun eine Familie war, ein

Stadtteil, eine Region, ein Land, ein Kontinent, ein Planet, das war

egal, das war immer ein existentes Gefühl der – meist unangenehmen -Zusammengehörigkeit – und zwar desto unangenehmer, je größer die Gruppe war. Das war der Grund, warum Justus sich als

Mensch immer ein wenig schmierig und verlogen vorkam!

Also: Im Viertel gewesen, Steffi getroffen, zum Eck gegangen, kurz

gestanden, dann Emma gesehen, emotional geworden wegen

diesem einen Kuss auf einem Hochhaus in der Neuwieder Straße

48. Dann kommt Maik in dulligen Klamotten um die Ecke, setzt sich

dazu, Emma erzählt eine ernste Geschichte – alle hören gebannt zu.

Dann streiten sich Steffi und Maik, Justus geht mit Emma zum

Schnaps- und Bierladen „Flaschenpost“ – die beiden unterhalten sich,

berühren sich an der Hand. Das fühlt sich gut an. Dann kommt ein

Polizist mit Maik unter dem Arm durch den Böllernebel gestapft. Der

Polizist hat einen Sprengsatz von Maik dabei, sprengt damit

aus Versehen und doch heldenhaft einen Geldautomaten in die Luft.

Tausende Euro regnen aufs Viertel hinab. Justus und Maik und

Steffi und Emma rennen weg, übers Eck, an der „Sparkasse“ vorbei,

an den Leuten vorbei, die dort geschockt und vergnügt Geld aus

der Luft grabschen und debil lachen.

Sie laufen bis auf einen Hinterhof, dann weiter zu dem kleinen

Häuschen am „Bermuda-Dreieck“ – die Bullen hinterher. Ab ins Haus,

runter in die Kanalisation – die Bullen ausgeschlossen vor der Tür.

Dann durch die Tunnel. Maik stößt sich den Kopf, die Vier rennen

weiter die Tunnel hinunter, und plötzlich stehen sie in einem Raum,

irgendwo unter dem Eck, wie Justus vermutet.

So waren sie hierher gekommen. Und jetzt?

Emma schaltete das Licht ein, und ein paar Glühlampen unter der

Decke flammten auf und wiegten sich leicht im Zugwind. Im

aufglimmenden Lichtschein wurde ein großer Raum sichtbar.

Der Fußboden war hier trocken, und sie hatten die Nässe der

Kanalisation hinter sich gelassen. Tatsächlich lag hier ein leicht

muffiger Geruch in der Luft, aber nicht der muffige Geruch eines

Abwasserkanals – es roch eher wie in einer alten, staubigen

Bibliothek. Sogar warm war es – kurzum: fühlte sich das hier

irgendwie gemütlich an.

„Cool!“, sagte Justus und „Stimmt!“, sagte Maik.

Sie standen, schauten sich um und wunderten sich.

„Was ist das hier?“, fragte Steffi, an Emma gewandt.

„Mach’ erstmal die Tür hinter Dir zu!“, sagte Emma.

„Habt Ihr zu Hause Säcke vor den Türen?“

„Witzig!“, sagte Steffi und ging zu der Tür, durch die sie den Saal

betreten hatten, packte den kalten Türknauf und drückte die Tür in

Richtung Schloss.

Es war eine schwere Tür, ganz aus Stahl gefertigt, die schwer in

den Angeln ächzte, als Steffi versuchte, sie zu schließen.

Erstmal bewegte sich die Tür auf dem Boden krächzend nur ein wenig,

und hinterließ eine kurze weiße Kratzspur auf dem aus Beton

gegossenen Boden. Maik kam ihr zur Hilfe – mit vereinten Kräften

drückten sie gegen die Tür und schafften es, sie so weit zu

bewegen, dass sie frei lief und in das Schloss fiel. Maik zog den

großen metallenen Riegel herunter, und das Teil fiel in seinem

Scharnier in die dafür vorgesehen Aussparungen. Der Riegel rastete

ein und verschloss die Tür, die nun irgendwie unwiederbringlich

geschlossen schien.

Es war nur noch das leichte Sirren der Glühlampen zu hören.

Justus blickte sich um.

Das ganze hier, der ganze Saal, in dem sie standen, wirkte wie ein

Bunker, aber wie ein Bunker, dem jegliche militärische Strenge

abging. Es war ein großer, runder Saal, in dem sie sich befanden –

vielleicht fünfzig Meter im Durchmesser, etwa vier Meter hoch und

tatsächlich kreisrund. An der Wand standen metallene Betten, deren

Fußenden in den Raum ragten.

Die Betten waren nicht, wie Justus es aus Kriegsgeschichten

kannte, mit rauhen Felddecken bezogen. Auf den Betten lagen vielmehr

wohl geordnete Berge aus Bettdecken und Kissen mit gestrickten

Tagesdecken in bunten Farben, daneben kleine Bettkonsolen mit

Nachttischlampen darauf, und einmal rund um die Halle herum war ein durchgängiges Regal in Kopfhöhe angebracht, vollgestopft mit allen möglichen Sachen.

Verdutzt und ein bisschen beleidigt bemerkte er, dass sich in dem

Regal eine viele Dinge befanden, die er auch in seine eigene

Sammlung aufgenommen hätte, hätte er Geld und Muße für eine

eigene Sammlung gehabt.

Er trat näher heran.

Da standen Bücher von Jack Kerouac, eine komplette Werkausgabe von Erich Kästner, Biografien über Heisenberg und die Tagebücher von Robert Crumb, Dazu LPs mit Musik von Schubert, Bach und den Stones, den Beatles und Robert Johnson, auch Filmografien von Kubrick und Truffaut – und das war nur das, was Justus im ersten Moment auffiel. An den Wänden waren Bleistift- und Kugelschreiberzeichnungen von seltsamen Geräten und alte Graffiti, die davon sprachen, dass Kordula eine dumme Kuh wäre, dass sich irgendwer die Bremer Räterepublik zurück wünschte und dass man – auch wenn der Donnerstag in der „Lila Eule“ nervig war – auf keinen Fall ins „Stubu“ gehen sollte.

Justus wandte sich um und sah, dass im Raum verteilt ein Sammelsurium von ziemlich coolen Sachen stand und ein Stück weiter eine Bar aus gedrechseltem Holz an die Wand gebaut war, in deren Regalen anstatt Büchern Schnapsflaschen standen.

Davor stand ein mit Perlmut besetzter Globus, der halb geöffnet war

und einige Flaschen Whiskey, Wodka und andere Alkoholika

beherbergte. Justus schnappte sich eine Flasche, ging weiter an der

Wand entlang und stieß fast gegen einen originalgroßen Kopf

des „Roland“, der aber ein Frauengesicht zeigte. Erschreckt ließ er die Flasche fallen, doch schaffte er es noch, einen Fuß darunter zu

bekommen, so dass die Flasche nur umfiel und ein Stück wegkullerte.

„Was ist das hier?“, rief er Emma zu.

„Was das ist? Ach so, das ist der Originalkopf von Roland!“, rief sie zurück.

„Aber das ist ein Frauenkopf!“, schallte es von Justus herüber.

„Ja, stimmt wohl – was dagegen? Und jetzt ganz vorsichtig mein Freund!“, antwortete sie.

Justus machte kehrt und ging zu den anderen zurück, die jetzt in der Mitte des Raumes rund um einen wunderschön gemaserten Konferenztisch saßen, über dessen Mitte ein alter Kronleuchter und ein Brett mit einem Kasten Bier unterhalb einer schweren Stahlklappe hingen.

Alle schnauften noch von dem Gerenne und Gekrieche in den Abwasserkanälen.

„Dieser Raum – was ist das für ein Raum? Wo sind wir hier?“, fragte Justus

noch einmal in Richtung Emma.

„Ich glaube, das ist eine lange Geschichte. Ich weiß es auch nicht

genau. Aber ist ganz cool, oder?“, antwortete sie.

„Ja, ganz cool ist er, aber what the Fuck…?“, sagte Justus noch einmal mit Nachdruck und streckte die Hände wie nach Antwort flehend in Emmas Richtung aus.

„Also, ich kann auch nur sagen, was da vorne in dem Buch stand!“, sagte Emma und deutete zu einem Podest, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Sie stand auf, ging zur Bar mit dem Globus und kehrte mit einer Flasche Wodka und vier Gläsern zurück. Sie schenkte ein und stellte jedem ein Glas vor die Nase.

„Auf was auch immer!“, sagte sie, erhob das Glas und prostete den

Anwesenden zu.

„Also“, holte sie aus, „anscheinend gab, oder besser: gibt es in Bremen

so etwas wie eine alteingesessene Clique, man könnte vielleicht auch Loge sagen – wie die Leute, denen das hier alles gehört, sich selber genannt haben. Die „Loge der Spinner“ steht außen auf dem Buch.

Das früheste, was ich an Aufzeichnungen gefunden habe, datiert auf

das Jahr 1560. Das war so ungefähr die Zeit, in der sich hier in Bremen auch das „Schaffermahl“ gründete und diese ganzen anderen Logen und halb-geheimen Gesellschaften dieser Stadt.

Dieser ganze Krams, der auf die Hanse und so weiter zurückgeht.

Damals hatten sich die besser gestellten, die Handelsleute und die Aristokraten zusammengetan, um irgendwie ihr Ding zu drehen.

Wenn man es so sagen will, Vettern und Bekannte, die sich

gegenseitig das Geld und den Handel zuschoben und sehr schnell

sehr reich geworden waren. Die haben mit Pfeffer und Salz und was weiß ich nicht gehandelt. Die „Oberen Zweihundert“ hier in der Stadt, sozusagen.

Damals entstand auch das Wort „Pfeffersäcke“ – das sagt man ja hier bis

heute zu so reichen Leuten. Also einfach ein paar Leute, die es besser fanden, wenn das Geld und der Besitz der Stadt in ihren Händen blieb. Da hat sich bis heute nicht viel getan!

Diese Herrschaften trafen sich schon damals im „Ratskeller“, haben Wein gesoffen, in ihren kleinen Kabuffs da rumgehangen und genau das gemacht, was die Bremer aus „bestimmten“ Kreisen immer noch machen:

Bruderschaften und so.

Nur was man nicht vergessen darf, ist ja, dass es immer schon die Anderen gab. Es waren ja nicht nur alles Bauern oder reiche Leute!

Man stellt sich immer vor, dass die Spinner und die Träumer und die

Freidenker ein Phänomen der modernen Zeit wären, aber das stimmt nicht. Auch damals gab es Leute mit einem Denkorgan der Marke ‚Das etwas andere Gehirn’!“

So sprach Emma und schenkte noch einmal nach, erhob das Glas

und trank – die anderen machten es ihr nach.

„Aber, was man nicht vergessen darf, wenn man sich Bremen jetzt

Anschaut: Es gibt da ja immer einen Wechsel in den Generationen.

Die erste Generation ist gezwungen zu arbeiten, um die Familie

über Wasser zu halten – und wenn sie sterben, bleibt ja immer was

über. Und von dem, was überbleibt, kann die folgende Generation

ganz gut leben und muss deswegen nicht mehr soviel arbeiten –

keine „Scheiß-Jobs“ mehr machen, würde ich sagen!

Wenn man sich jetzt umschaut, sind die Spinner und Künstler und

die, die etwas anderes im Kopf haben als immer nur zu arbeiten,

eigentlich nur solche Leute, die es sich erlauben können.

Erlauben kann sich die Boheme das alles nur, weil sie – auf welchem

Weg auch immer – Geld von ihrer Familie und ihren Freunden

bekommt.

Das würden ja nicht viele zugeben, aber von der Seele her weiß

eigentlich jeder, der Geld hat, dass er ein Stück davon den

Spinnern geben sollte, weil es ansonsten gar keinen Spaß mehr in

der Stadt geben würde. Heimlich wissen Reaktionäre und Spießer

nämlich, dass sie Geld ausgeben müssen, damit Leute Dinge tun,

gegen die sie dann wieder etwas haben können. Sonst müssten sie ja

irgendwann etwas gegen sich selber haben.

Die Spinner müssen gefüttert werden.

Man muss die Leute am Leben halten, die den Kopf nicht nur mit

Arbeit, Familie und Kindern voll haben, sondern tatsächlich Zeit und

Kraft haben, mal herumzuspinnen. Falls es Euch mal aufgefallen

ist, das Wort Spinner hat in Bremen gar keinen schlechten Klang –

so richtig als Schimpfwort benutzt das niemand; da schwingt immer

noch so ein bisschen Anerkennung mit.

Wie auch immer!

Die Leute damals, die geerbt hatten, oder von wohlhabenden

Menschen – aus welchem Grund auch immer – mit Geld versorgt

wurden, hatten im „Ratskeller“ nichts zu suchen und wurden da

rausgeschmissen, nicht ernst genommen oder verlacht.

Und wer ist schon gerne in der Nähe von Menschen, die ihn nicht

ernst nehmen und über ihn lachen. Also gingen die Spinner

heraus aus der Altstadt und suchten sich ein wenig außerhalb

Orte, an denen sie in Ruhe gelassen wurden. Das scheint ganz

wichtig zu sein bei der Geschichte dieser Stadt.

Das ist eine Stadt, in der es reiche Leute gibt, die Wirtschaft als

Spaß betreiben, und Leute, die davon leben, weil sie lieb gehabt

oder zumindest respektiert werden. Irgendwie sind hier ja alle

reich und haben keine Sorgen, aber die Stadt selbst ist bettelarm.

Auf jeden Fall haben sich die Spinner der Stadt irgendwann

zusammengefunden, Die Künstler und die Schreiber und die

Träumer und die Macher von Dingen, deren Geldwert man nicht

unmittelbar ablesen konnte. Und denen war es ja dann natürlich

auch vollkommen egal, ob sie nun mit dem, was sie taten, Geld

verdienen konnten.

Zuerst trafen sie sich in den Wallanlagen in einem kleinen

Privathaus, da, wo jetzt das Willhelm-Wagenfeld-Haus steht, tausend

Meter weiter in die Richtung!“, sagte Emma und deutete in Richtung Altstadt.

„Tatsächlich treffen sich die Leute ja bis heute in dem Keller da. Das

ging fast vierhundert Jahre so – eine Art alternativer „Ratskeller“ war

das. Kreative Subkultur über vierhundert Jahre, wenn man so will.

Aber dann mussten sie da raus, weil die Nazis den Keller als Gefängnis

haben wollten; also sind sie weitergezogen.

Einer von denen, die da rumhingen, einer von den Spinnern also, war

der Sohn vom „Wassermeister“, wie es damals noch hieß. Und der

hat seinem Sohn gesteckt, dass er früher, bevor der Deich oben an

der Weser richtig aufgeschüttet war, ein Wassersammelbecken

direkt in der Talsohle der Sielwallkreuzung gebaut hatte, falls die

Stadt doch mal überflutet werden sollte. Noch früher floss hier nämlich der

„Dobbengraben“ entlang. Darüber war eine Zugbrücke, die das reiche

„Ostertor“ vom armen „Steintor“ trennte. Das merkt man auch heute

noch – ganz grün sind sich die Leute auf beiden Seiten nicht.

„Ostertor“ gegen „Steintor“ – da kommt sich das „Steintor“ immer noch

besser vor als das „Ostertor“, und das „Ostertor“ schimpft auf die

Bonzen vom „Steintor“. Früher gab es sogar mal Straßenkämpfe –

wegen des Flusses – zwischen den beiden um die Vorherrschaft über die

Zugbrücke, die den „Dobbengraben“ überspannte.

Den Graben haben sie dann aber irgendwann zugekippt und Frieden

geschlossen.

Zwei Jahre nachdem das Hochwasserauffangbecken gebaut worden war, wurden die Deiche dann doch erhöht, und es war klar, dass die Flut nicht mehr bis hierher kommen würde, und die Strasse „Vor dem Steintor“ wurde befestigt.

Die Pläne hat der „Wassermeister“, der heimlich auch ein Spinner war, verbrannt, weil er die Pfeffersäcke von der Stadtregierung auch nie leiden konnte. Und so geriet der Raum, in dem wir hier sitzen, in Vergessenheit.

Wer zur Nazizeit alles gejagt worden ist, dass weiß ja kaum einer

noch – die meisten denken ja, dass die Nazibastarde ausschließlich die Juden, die Schwulen, die Behinderten und die Nicht-Arier fertiggemacht hätten. Tatsächlich haben sie aber einfach einen Universalstempel gehabt, den sie quasi jedem auf den Kopf gedrückt haben, der ihnen nicht passte. Alles, was nicht ins Bild passte, wurde weggestempelt: Intellektuelle, Künstler, Spinner, Humoristen, Schnacker – Leute eben, die sich eine andere Welt vorstellen konnten. Stempel, Stempel, Stempel.

Die Gestempelten waren natürlich in erster Linie die Töchter und Söhne der Pfeffersäcke in der Stadt – die Töchter und Söhne, die es sich erlauben konnten, Spinner zu sein.

Die Pfeffersäcke selbst hatten natürlich die Befürchtung, dass ihnen all der wertvolle Unrat, den sie angesammelt und aufgestapelt hatten, von den Nazis weggenommen werden würde – deswegen hatten sie eine verteufelte Angst, irgendwo anzuecken.

Und auch wenn die meisten den Faschisten nach dem Maul geredet haben und Unmenschliches verbrochen haben, waren sie doch zumeist nicht so sehr von Sinnen, nach ihrer Moral und ihrer Menschlichkeit auch noch ihren eigenen Nachwuchs zu opfern.

Und so sind die Spinner zu diesem Raum hier gekommen, wo sie sich versteckt haben und wo wir uns jetzt verstecken. Spinner finden Spinner immer, das ist so ein Gesetz – Spinner finden Spinner immer: Gib ihnen einen Raum, stell’ ein paar geistige Getränke hinein und sie werden kommen. Das Leben findet seinen Weg!“

„Cheers!“, sagte Justus, erhob sein Glass und trank erstmal noch einen. „Tatsächlich ein bisschen ärgerlich!“, dachte sich Justus. „Ärgerlich, doch nicht so einzigartig zu sein, wie man sich das immer gedacht hatte!“

Bei diesem Gedanken kam er sich sehr dumm vor, denn irgendwie war das doch gut, wenigstens ein bisschen Tradition im Rücken zu haben, aber es widersprach leider dieser Idee, etwas Neues, Besonderes zu sein –  einzigartig zu sein!

Das war ja schließlich eine Energieleistung, das war ja Arbeit gewesen, anders als die anderen zu sein. Aber vielleicht, vielleicht waren die, die

anders waren, genauso gleich wie die, die gleich waren.

Wenn sich viele einzigartig fühlen, dann gibt das Probleme!

Der Mob der Einzigartigen: Für eine Kulturrevolution ist das ein

bisschen wenig!

Die Vier saßen am Tisch, schauten sich um, blickten ins Leere und

sagten nichts.

„Was ist denn mit den Bullen?“, fragte Steffi.

„Na, weiß ich nicht – kann man nur hoffen, dass die heute Abend ein

bisschen zuviel zu tun haben, um die Abwasserkanäle zu

durchsuchen. Aber Du hast recht, hierbleiben können wir nicht. Es

wäre irgendwie unfair, wenn das hier alles auffliegen würde, weil

Maik Blödsinn machen musste. Maik, könntest Du da rausgehen

und Dich stellen?“, wandte sich Emma an Maik.

„Ne, mach’ ich nich!“

„Ne, mach’ ich nich!“, äffte ihn Justus nach.

„Ne, mach’ ich nich! Und was machen wir dann? Sag’ doch mal was, Maik, sag’ doch mal was!“

„Ich weiß auch nicht – lass’ mal abhauen!“

„Wie, abhauen, wie meinste denn das?“

„Lass’ mal Auto besorgen und abhauen.“

„Hast du ein Auto?“

„Nee, hab’ ich nich! “

„Und wie willste dann abhauen?“

„Weiß nicht!“

„Na, das ist ja geil! Und wohin willst du irgendwie abhauen?“

„Österreich!“, antwortete Maik.

„Österreich? Wieso denn Österreich?“, fragte Emma.

„Ich kenn’ da wen, der hat eine Hütte. Auf einem Berg. Den kenn’

ich. Aus dem Internet. Der ist in meiner Gilde!“, antwortete Maik.

„Ich hab’ ein Auto!“, sagte Steffi.

„Steht bei der ‚Eule’!“

„Und wie kommen wir dahin?“, fragte Justus, und Emma zeigte nach

oben an die Decke. Dort war neben dem Kronleuchter eine

Vorrichtung angebracht: Ein Brett mit einem Kasten „Hemelinger“ und

darüber eine Klappe. Justus hatte das ja vorhin schon gesehen.

„Das ist noch ein schönes Geheimnis!“, sagte Emma.

„Direkt in der Mitte der Sielwallkreuzung ist eine versteckte Klappe, und unter der Klappe steht immer ein Kasten Bier. Wenn die Spießer die Spinner am Leben erhalten, müssen die Spinner doch wenigstens die

Trinker betrunken machen!“

Sie stand auf, holte eine Leiter, kletterte hinauf, drückte mit der Schulter gegen die Klappe und öffnete sie ein Stück. Emma schaute hinaus, sah Füße um sich herumstehen und ließ die Klappe wieder zufallen.

„Maik, hast Du noch Rauchbomben?“, fragte sie von der Leiter herunter.

„Na klar, was denkst Du denn?“, antwortete er, griff in seine Weste

und holte zwei Röhren heraus.

„Justus, Du machst das Licht aus, Maik, Du kommst hierher, machst

die Klappe ein Stück auf und wirfst die Rauchbomben raus, damit

keiner uns sehen kann. Das merkt niemand bei dem Geböller. Wir

warten einen Moment, und dann: Klappe auf und raus – erst Maik, dann Steffi, dann ich, dann Justus. Justus, Du schmeißt die Klappe hinter Dir

zu. Steffi, Du läufst zum Auto!“

„Ok!“, sagten die anderen. Maik stieg auf die Leiter, machte die

Klappe eine Handbreit auf, riß die Rauchbomben an, ließ sie auf

die Straße kullern, schloss die Klappe wieder. Dann wartete er einen Moment, stieß die Klappe erneut auf und sprang hinaus – Steffi direkt hinter ihm, dann Emma, dann Justus. Justus schmiss die Klappe zu, und die Vier

rannten durch den dichten Nebel los in Richtung „Sparkasse“. Sie

hetzten an den Geschäften, an den Kiosken und den Kneipen

vorbei, bis Steffi stehen blieb – und plötzlich machten alle große

Augen!

Da stand ein Fiat Panda, pink lackiert, mit einer großen „Diddelmaus“

auf der Motorhaube, „Hello-Kitty“-Figuren am Rückspiegel und

Kuhfellsitzbezügen.

Die Vier standen einen Moment nur da und glotzten.

„JA, JA! ICH WEISS, IST NOCH VON FRÜHER! REIN DA!“, rief

Steffi und schloss die Tür auf, öffnete sie und klappte den

Fahrersitz nach vorne.

„Ich kann das nicht, ich kann nicht in dieses Auto steigen!“, wimmerte Justus – bis Emma ihm in den Hintern trat und er auf die Rückbank flog.

„Du bist wirklich ein Spinner!“, rief sie und sprang hinterher.

Steffi schmiss den Sitz zurück, setzte sich hinter das Lenkrad, griff

hinüber und öffnete den Verschlusspinökel an der Beifahrertür, so

dass Maik hastig in das Auto gleiten konnte. Sie steckte den mit einem

„Tamagotchi“ bestückten Autoschlüssel in das Zündschloss und trat

aufs Gaspedal.

„Wo lang?“, rief sie.

„Richtung Süden!“, schrie Emma.

Die kleinen Reifen quietschten, und sie schossen los.

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