Bomben auf Utopia Tag 10

Tag 10

Tag 10 (2.2.2012)

Rasterfahndung.

 

Da standen sie nun, die Vier, waren quer durchs Viertel gerannt und hatten im Schwefelnebel der Sylvesternacht die Polizisten abgeschüttelt, welche aufgrund von Maiks Bombenanschlag jetzt doch recht heiß auf sie waren.

Sie waren auf einen Hinterhof gelaufen und waren im blauen Licht, welches es den Junkies erschweren sollte, ihre Adern zu finden, zum Stehen gekommen. Sie hielten sich die Seite und schnappten kichernd und lachend nach Luft, welche sie im nicht enden wollenden Lachanfall sofort wieder ausspuckten.

Aber so schnell wie es aufgekommen war, ebbte das Gelächter wieder ab, das Geknalle und Geböllere hatte nachgelassen,

und Streifenwagen und Feuerwehr jagten mit Blaulicht und Martinshorn in Richtung Sielwallkreuzung. Das Blaulicht warf

Schlaglichter an die Häuser, und tatsächlich sickerte langsam die Gewissheit in Steffi und Justus und Maik und Emma, dass das vielleicht doch ein bisschen viel gewesen war, mit einer Bombe ein halbes Haus zu sprengen, und dass sie so ganz anonym aus der Sache wohl nicht wieder herauskommen würden!

Emma stand da und war es als einzige von den Vieren nicht gewohnt, „Scheiße“  im klassischen Sinne zu bauen. Die anderen hatten darin durchaus Erfahrungen aus Tenever. Justus hatte als Teenager nicht nur einmal einen Einkaufswagen aus den oberen Stockwerken der Hochhäuser an der Neuwieder Straße geworfen – einfach nur so, als Versuch, in einem sozialen Brennpunkt etwas besonderes darzustellen.

Und was Steffi damals nicht schon alles geklaut hatte! Tatsächlich hatte sie fast ein Jahr lang ihren saufenden Vater mit Pizza und Schnaps versorgt, den sie jeden Tag aus dem „Rewe“ im „Weserpark“ geklaut hatte. Und die ersten sexuellen Erfahrungen mit älteren Jungen und jüngeren Männern auf Droge in der Waschküche im Keller des Hochhauses, in dem sie lebte, trugen nicht unbedingt dazu bei, dass sie die Menschen an sich als besonders moralisch und gut empfand.

Viel Vertrauen wurde in den späten Nächten im Waschkeller nicht gelehrt, und dass Steffi dort mal einen moralisch auch nur halbwegs anständigen Menschen getroffen hätte: Pustekuchen!

Dass Maik einen reichen Erfahrungsschatz an und Berufserfahrung in Kriminalität aufwies, darüber musste gar nicht erst gesprochen werden!

Er war einer der Gründe dafür gewesen, das Tenever damals als gefährlichster Stadtteil Bremens galt, weil die Menschen dachten, dass marodierende Banden durch den Stadtteil zögen, Dinge anzündeten und Sachen kaputt schlugen. In Wirklichkeit war das nur Maik gewesen, der eine unglaubliche Energie an den Tag legte, jede Nacht das Haus zu verlassen, um sich sonst wie die Zeit zu vertreiben. Warum er in den Nächten diese verbotenen Sachen tat,  hatte wahrscheinlich hunderttausend Gründe gehabt, aber Maik war außerhalb von „weil’s Bock macht!“ von selber noch auf keinen einzigen dieser Gründe gekommen. Irgendwann war es ihm zu heiß geworden, und er hatte den Stadtteil verlassen müssen – irgendwie hatte es ihn ins Steintorviertel geschwemmt.

Woher hätte er auch wissen sollen, wo die Grenzen zwischen „erlaubt“ und „verboten“ lagen? Diese Grenzen waren in seinem Umfeld und in seiner Familie mehr als verwaschen, und darum gekümmert hatte sich eh nie einer.

So ganz grenzenlos zu leben hatte natürlich seine Vor- und Nachteile, doch war Maik – in erster Linie durch Glück – noch nicht an den Punkt gelangt, an dem er gezwungen gewesen wäre, sein Handeln zu überdenken und mit dem „Scheiße bauen“ aufzuhören.

Aber vielleicht, spürte er, dämmerte dieser Punkt jetzt in ihm, und ein neues Gefühl machte sich breit, ein Gefühl, das ein weiserer Mensch vielleicht als Gewissen bezeichnet hätte. Doch von dieser Einsicht war Maik noch weit entfernt!

Zu viert standen sie in einem Kreis, und trotz der Angst ob der Dinge, die da kommen mochten, oder besser: ob der Dinge, die da bestimmt kommen würden, spürten sie doch, dass sie nun irgendwie miteinander verbunden waren. Sie steckten plötzlich alle gemeinsam in einer Geschichte, die größer war als die Probleme, die sie vorher einzeln gehabt und gelöst hatten.

Eine der blauen Leuchtstoffröhren auf dem Hinterhof flackerte leicht und schnell, und gab dem Ort, an dem sie standen, ein nervöses Flair.

Justus wollte etwas sagen, er wollte schon die Lippen zu einem Kommentar öffnen, irgendetwas Lustiges sagen – aber irgendwie fiel ihm nichts ein, um die Situation zu entkrampfen. „Was sie nun tun sollten“, fragte er sich und blickte in die Runde. Maik lächelte immer noch leicht, und ein wenig Stolz schwang in diesem Lächeln mit.

Und wäre bei diesem Scheiß mit der Bombe irgendwem irgendetwas passiert, hätte Justus ihm jetzt wahrscheinlich kurz entschlossen ins Gesicht geschlagen.

Aber tatsächlich waren nur ein paar Polizisten von ihren Pferden auf den Hintern gefallen, und letztendlich hatte die Aktion nur dazu geführt, dass es ein paar Leuten nun mächtig in den Ohren klingelte und viele Menschen um ein paar tausend Euro reicher waren.

Euros, die eigentlich einer Bank gehört hatten, die bestimmt versichert war – und dass sich nun alle mit dem Geld einer riesigen, gesichtslosen Versicherung vergnügten, daran konnte Justus nun wirklich nichts Schlimmes feststellen!

Leider war Justus auch bewusst, das wahrscheinlich fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung seiner Meinung war, dass niemand dieses Geld vermissen würde; die Polizei und der Staat die Sache aber mit Sicherheit ein wenig anders sehen würden. Und genau diese aufgebrachte Meute von Gesetzeshütern war wohl das, worüber er und die anderen drei sich nun ernsthaft Gedanken machen mussten.

Er schaute weiter in die Runde und sah Steffi, die ein wenig zu nah neben Maik stand – und Justus verstand, dass die Explosion, welche Maik ausgelöst hatte, so etwas wie eine Machtdemonstration gewesen war, welche natürlich nicht ohne Wirkung auf Steffi blieb. Sexy war Zerstörung schon immer gewesen!

Er blickte wieder zu Steffi, die dastand und ihn fragend anschaute.

„Hast du eine Idee, was wir jetzt machen?“, fand Justus seine Stimme wieder.

„Ich weiß nicht, vielleicht, aber vielleicht sollte auch erstmal Maik sich was ausdenken – immerhin hat er da nun wirklich ziemlich vorgelegt. Das war schon mehr als Mülltonnen anzünden, das wird noch Probleme geben!“, sagte Steffi.

„Was sagst du?“, fragte Justus Maik.

„Ich hab noch zwei von den Bomben dabei!“, antwortete Maik. „Emma und Steffi könnten sich Burkas überwerfen – ich hab’ da so ein paar selbst genähte dabei. Sie könnten die Bomben nehmen und sie auf die Polizisten werfen und die Polizisten, die uns erkennen könnten, eliminieren! Wie sieht’s aus Mädels, könntet Ihr das machen?“

Dabei zog er zwei kleinere Sprengsätze aus seiner Uniform und warf sie den beiden zu. Die beiden reagierten gar nicht, und die Sprengsätze prallten von ihren verschränkten Armen ab und landeten auf dem Boden.

„Nein!“, antworteten Steffi und Emma und sogar Justus wie aus einem Mund, während Maik mit rotem Kopf die kleinen Bomben wieder einsammelte und zurück in die passgenauen Täschchen an seiner selbst genähten Militärweste steckte.

„Ich weiß was!“, schaltete sich nun Emma in das Gespräch ein.

„Und was?“, fragte Justus.

„Da vorne steht dieses Haus auf dem Bermudadreieck vor der „Capri-Bar“. Da müssen wir rein, da gibt es einen Zugang zum alten Abwassersystem – ich habe den Schlüssel. Hat jemand eine Idee, wie wir da ungesehen hinkommen?“

„Ich kann mich tarnen, an den Häusern entlang!“, sagte Maik, der noch immer seine urbane Tarnuniform trug.

„Dann muss der Rest wohl rennen!“, entschied Justus seufzend, und langsam bewegten sie sich vorwärts und schlichen gebückt an der Hecke entlang – zuvorderst Justus, dahinter Emma, dann Steffi und dann Maik, der in albernen Bewegungen versuchte, sich  unsichtbar zu machen, was ihm aber nun wirklich nicht gelang!

Sie stoppten an der Zuwegung zur Strasse. Justus und Emma schauten nach links und rechts, zuckten kurz hinter die Hecke zurück und ließen einen Streifenwagen passieren.

Sie warteten einen Moment, und als das Blaulicht des Streifenwagens hinter der nächsten Häuserecke verschwunden war, spurteten sie los, den Bürgersteig entlang, duckten sich hinter die Autos, die dort am Straßenrand standen, blieben kurz stehen, lugten durch die Scheiben der Fahrzeuge und überzeugten sich, dass sie noch ungesehen waren.

Emma holte den Schlüssel, der an einem riesigen Schlüsselbund baumelte, aus ihrer Hosentasche, und Justus schaute sie verdutzt an.

„Nur ein Hobby!“, flüsterte Emma. Sie schauten noch einmal nach links und rechts und sprinteten die letzten paar Meter hinüber zum kleinen Haus mit den Säulen, bei dem sich Justus schon oft gefragt hatte, wozu das denn da wohl eigentlich stand. Nur noch ein kleines Stück hatten sie zu laufen, als Maik – während er der Meinung war, sich zu tarnen – in ein Fahrrad stolperte, welches scheppernd umfiel, genauso wie Maik selber. Er rappelte sich wieder auf und konnte es sich nicht verkneifen, „Aua, aua!“ zu rufen. Dann raffte er sich wieder auf, stolperte noch einmal über das Fahrrad, drehte sich um die eigene Achse, stolperte vorwärts und kam mit den Händen auf der Motorhaube eines um die Ecke biegenden Polizeiwagens zum Stehen. Er schaute auf und blickte dem Polizisten hinter dem Lenkrad direkt in die Augen.

Dieser wiederum sah Maik in die Augen und erkannte ihn augenblicklich anhand der herausgegebenen Fahndung, in der klar stand: „Verdächtiger trägt ein Art Pyramide aus Pappmaché auf dem Kopf, angemalt wie der Sims eines typischen Altbremer Erdgeschosses“.

Maik und der Polizist blickten sich in die Augen, dann machte Maik sofort kehrt und erblickte die anderen, die schon beim kleinen Haus angelangt waren und zuschauten, was da mit ihm geschah. Er rannte wieder los, direkt in ihre Richtung, und in diesem Moment rannten auch die drei anderen um die Säulen des Hauses herum. Emma versuchte, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken, aber verfehlte. Justus schaute um die Ecke und sah Maik angerannt kommen und sah auch, wie die Polizisten aus dem Streifenwagen sprangen. Emma versuchte es noch einmal, während Maik und die Angreifer näher kamen, fand das Schlüsselloch und riss die Tür auf. Justus und Steffi schlüpften herein und mit einem Gewaltsatz flog Maik an ihr vorbei, Emma machte einen schnellen Schritt ins Haus hinein, brach den Schlüssel ab und riss die schwere Brandschutztür hinter sich zu.

Die zwei Polizisten – der eine dünn, der andere dick – rannten auf die Tür zu, was bewirkte, dass der eine zwar früher da war, jedoch rechtzeitig zum Stehen kam, während der andere mit seiner ganzen Wucht gegen die Brandschutztür rannte und mit seiner Nase fast einen Abdruck in ihr hinterließ. Er stolperte rückwärts und kam mit dem Rücken an einer der Säulen zum Stehen, sackte in die Knie und begann in sein riesengroßes Funkgerät zu schimpfen, dass man den Bombenidioten und seine Freunde fast erwischt hätte, diese sich aber nun in diesem seltsamen Häuschen an der Humboldtstraße versteckt hielten.

Der dünne Polizist zog seinen Schlagstock und begann damit, gegen die Tür zu hämmern.

„Kommen Sie heraus, Sie haben keine Chance, das Haus ist umstellt!“, rief er gegen die Tür und freute sich, denn das war etwas, was er schon immer einmal gesagt haben wollte.

„Kommen Sie heraus – wenn Sie jetzt aufgeben, werde ich beim Richter ein gutes Wort für Sie einlegen!“, sagte er dann und freute sich noch mehr. Auch darauf, dass er den sich im Haus versteckenden jungen Mann gleich „Sportsfreund“ nennen würde. Jemanden „Sportsfreund“ zu nennen, war für ihn eigentlich, wenn er ehrlich war, immer das Highlight seines Tages!

Drinnen rührte sich nichts. Noch einmal schlug er gegen die Tür, aber es kam keine Antwort. Er horchte an der Tür und hörte nur ein gleichmäßiges Summen.

Im Haus war schon lange niemand mehr. Emma hatte mit einem an der Wand lehnenden Brecheisen den Deckel zu einem Schacht im Boden geöffnet, durch welchen man zu einer Leiter gelangte, die ins Dunkel darunter führte. Emma presste den Finger an die Lippen und bedeutete den anderen, dort hinunter zu steigen. Steffi zuerst, dann Maik, dann Justus und zuletzt sie selber verschwanden in der Dunkelheit. Emmas Arm tauchte noch einmal auf, griff sich die Taschenlampe, die sie dort schon vor Wochen positioniert hatte und verschloss die Klappe hinter sich.

Emma kletterte als letzte die Stufen herab, hörte die Schritte der anderen und folgte ihnen ein paar Meter ins Dunkel hinein.

„Pssst, bleibt stehen!“, zischte sie in die Dunkelheit und stand nun mit den drei anderen in der undurchdringlichen Schwärze des Bremer Untergrunds.

„Seid Ihr alle da?“, fragte sie.

„Ja!“, „ja!“, „ja!“, zischten ihre Freunde ihr entgegen.

Sie ließ eine Taschenlampe aufflammen und leuchtete von unten in die Gesichter der Umstehenden.

„Wo sind wir?“, fragte Steffi.

„Ich hab’ das hier mal vor ein paar Monaten entdeckt. Ich hatte Schnaps getrunken im „Wiener Hofcafé“, und dann hat mir ein besoffener alter Kerl erzählt, dass es angeblich ein Tunnelsystem gibt. Dann habe ich ihm noch einen Schnaps gekauft, und er hat mir erzählt, wo man einsteigen kann. Dann noch einen Schnaps, dann hat er mir erzählt, wie das Einsteigen geht, noch einen, dann hat er mit einem riesengroßen Schlüsselbund vor meiner Nase rumgeklimpert und mir erzählt, dass ihm früher der größte Bremer Schlüsseldienst gehörte, und dass er im Auftrag vom Senat beim Regierungswechsel alle öffentlichen Schlösser ausgewechselt hätte. Und dass er doch nicht doof sei und von allen Schlüsseln heimlich Zweitschlüssel angefertigt hätte. Dann noch ein Schnaps, und dann war seine Hand an meinem Hintern, und dann noch ein Schnaps, und dann lag er mit heruntergelassenen Hosen und einer gebrochenen Nase ohnmächtig auf der Herrentoilette und hatte plötzlich gar keinen Schlüssel mehr – ich dafür aber umso mehr!“

„Hätte ich nicht von dir gedacht!“, sagte Steffi. „Ich kannte dich eher so als die Brave!“

„Ach, weißt du“, antwortete Emma, „Scheiße bauen, das hat ja viele Ebenen. Ich hab’ euch damals in Tenever schon gesehen, mit den Einkaufswagen im obersten Stockwerk, wie ihr die da runtergeschmissen habt. Dich hab ich mit den Typen im Waschkeller gesehen, und Maik: Tatsächlich bin ich ihm nachts manchmal nachgeschlichen und habe mir angeschaut, wie er so ganz einsam herumgelaufen ist und Sachen angezündet hat und sich das dann angeguckt hat.

Immer. wenn irgendwo was gebrannt hat in Tenever, dann konnte man das von Maiks Kinderzimmer im achten Stock aus sehen. Ich hab’ ihn mir dann von unten mit dem Zoom von meinem Handy angeschaut, wie er da am Fenster saß und ins Feuer geblickt hat. Ich hatte gedacht, er würde da wie ein Verrückter sitzen und grinsen und lachen, aber das war gar nicht so! Wenn ich ihn mir angeschaut habe, dann saß er da immer, den einen Arm flach auf der Fensterbank, den anderen Arm auf den Ellenbogen gestützt und die Wange auf der Faust, und er sah eher aus wie ein kleines Kind, das endlich ein bisschen Ruhe findet.“

„Wie wenn man an einem Lagerfeuer mit Freunden und der Familie sitzt!“, flüsterte Maik.“Und alles ist ganz leise, und alle sind zusammen, und man muss keine Angst haben, weil alle zusammen sind, und keiner ist besoffen, und keiner schreit rum, es ist alles ganz leise, um mich herum und so, in mir drinne. So fühle ich mich, wenn ich ins Feuer gucke. Ganz ruhig. So als wäre alles in Ordnung. So als müsste ich nichts machen, damit die Leute mich mögen. So als müsste ich GAR nichts machen, damit die Leute mich mögen!“

„Das hab’ ich mir auch gedacht,“ sagte Steffi, „aber ich hab’ gemerkt, dass das gar nicht stimmt. Vielleicht früher mal. Ich glaub’, ich kann mich daran erinnern, dass mich auch mal jemand einfach so mochte, mich vielleicht nur mal kurz in den Arm genommen hat, ohne sich irgendwas davon zu erwarten. Früher ist meine Mutter manchmal nach Hause gekommen von der Arbeit in der Wurstverarbeitung – da ist sie nach Hause gekommen und sah ganz traurig aus, aber als sie mich gesehen hat, da war in ihren Augen drinne wieder alles gut. Und ich war glücklich, dass alles ganz ruhig war, und ich habe gemerkt, dass wir da ganz stark waren. Nicht dieses stark sein, was heute alle von Mädchen und Jungs verlangen! Heute ist stark sein ja immer so wie zu allem „Nein!“ zu sagen. Aber früher, da gab es Momente, da war alles nur „Ja!“, und das war gut so, weil keiner dir was Böses wollte, nur damit es ihm besser geht. Aber das ist vorbei. Das hab ich in der Waschküche gelernt!“

Da standen sie nun in diesem Abwasserkanal, irgendwo unter der „Capri-Bar“ im Schein von Emmas Taschenlampe, und in der Entfernung bollerte die Polizei an die Tür vom kleinen Häuschen, durch das sie eingestiegen waren.

„Wir müssen weiter!“, sagte Emma und riss so die anderen aus der Ruhe, die kurz eingekehrt war. Sie leuchtete mit der Taschenlampe den Tunnel entlang. Er war hoch genug, dass Justus, als größter der Vier, knapp aufrecht stehen konnte, so hoch also, dass der Tunnel auch für die anderen genug Platz bot, außer für Maik, dessen komischer Hut, welcher mit einem Riemchen an seinem Kinn fixiert war, an der Decke entlang schleifte.

„Maik, nimm dieses Ding endlich mal ab!“, sagte Justus, der hinter Maik durch den Tunnel ging.

Sie wateten ein Stück durch das knietiefe Wasser, bis sie zu einer Weggabelung kamen und den rechten Tunnel betraten, welcher in Richtung Stadtmitte führen musste. Als sie sich unter einer stählernen Querstrebe hindurchbücken mussten, machte es „Klong!“

Justus platschte Wasser ins Gesicht, Emma drehte sich mit der Taschenlampe um, und leuchtete auf Maik, welcher jetzt im Wasser saß und sich die Stirn rieb.

„Nimm das verdammte Ding ab!“, herrschte Justus ihn genervt im Flüsterton an.

„Nein, der ist cool!“, gab Maik ächzend zurück.

„Ach, der ist cool?“, ätzte Justus Maik an.

„Ja, der ist cool, was weißt Du denn von cool?“, gab der zurück, und jetzt wurde es Justus dann doch zu bunt.

„Hör’ mal, wir könnten jetzt schon längst weg sein, aber aus irgendeinem Grund, den ich langsam immer weniger verstehe, schleppen wir Dich hier noch mit. Was ich von cool weiß, mein lieber Maik, Du willst wissen, was ich von cool weiß? Cool ist es zum Beispiel, andere nicht zu nerven, weil Nerven so ziemlich das Uncoolste ist, was es gibt! Was cool ist, fragst Du mich?

Du kriegst da was in den falschen Hals: Nur weil ich es cool fand, dass vorhin der Geldautomat explodiert ist, heißt das noch lange nicht, dass Du cool bist. Cool ist es nämlich, Sachen entweder absichtlich zu machen, oder Dinge die passieren, gelassen hinzunehmen und nicht wild kichernd daneben herum zu stehen. Das ist cool! Cool ist es auch, sein Leben so zu führen, dass es halbwegs erträglich ist und nicht den ganzen Tag Sachen zu machen, damit andere einen bewundern können. Cool ist es, sich einen Stil erarbeitet zu haben, den andere als angenehm und interessant ansehen, ohne das du die Menschen dazu zwingst, sich immer und ewig eine neue Meinung über dich bilden zu müssen. Cool ist es, immer gleich zu sein. Wirklich cool ist es, man selbst sein zu können, ohne das jemand merkt, wie viel Arbeit das war. Das ist wie bei allem. Wenn du etwas wirklich kannst, dann sieht das, was du tust, früher oder später wahnsinnig leicht aus, wenn du es tust.

Und das ist ein cooles Leben. Den fucking Rucksack, den jeder durch sein Leben schleppt, wie eine lässige Innentasche in einem lässigen Anzug aussehen zu lassen. Das ist cool!“

„Und wer von uns beiden hat den cooleren Anzug an?“, fragte Maik spitz, zeigte auf sich und seinen Tarnanzug und dann auf Justus und seine schwarze Anzughose, sein weißes Hemd und seinen Mantel.

„Also, siehst du!“, zischte er. “Der Hut bleibt auf!“

„Halt die Schnauze!“, sagte Emma, und die beiden wussten nicht, welchen der streitenden Jungs sie jetzt meinte. Sie leuchtete Maik ins Gesicht, packte ihn am Kragen und richtete ihn auf.

„Weiter jetzt!“, sagte sie. Und so stapften sie weiter durch das Wasser zu ihren Füssen.

„Ich weiß, wo wir hin müssen!“

„Irgendwie riecht’s hier wie Weltuntergang!“, bemerkte Justus.

„Woher willst Du das denn wissen?“, fragte Emma, die jetzt vor ihm ging.

„Weiß nicht, riecht irgendwie so!“, antwortete er.

„Wie denn?“, fragte sie.

„Irgendwie umgedreht wie dieser Geruch am Morgen, den man manchmal riecht, wenn man weiß, dass es ein guter Tag wird!“, sagte er.

„Nach Kaffee? Oder wie?“, fragte Steffi.

„Nein! Doch nicht nach Kaffee – irgendwie nach Metall. Das riecht so, wie es schmeckt, wenn man sich auf die Zunge beisst!“, sagte Justus.

„Quatsch! So riecht das da nicht. Wenn die Welt untergeht und alle sterben auf einmal, dann ist das ein freudiges Ereignis – und dann riecht es nach Kuchen!“, sagte Maik.

„So, nach Kuchen riecht das dann also, Maik, nach Kuchen! Und den bäckst Du dann, oder wie?“

„Vielleicht!“, sagte Maik. „Vielleicht backe ich dann einen richtig coolen Kuchen. Aber den wirst Du dann ja wohl nicht mögen!“

„Weiter!“, drängelte Emma und richtete den Lichtkegel wieder nach vorne. Justus und Steffi stapften weiter. Dumpf klangen die Schläge der wieder aufkeimenden Böllerschlacht auf den Straßen über ihnen zu ihnen hinunter. Der Schacht weitete sich, und sie standen plötzlich in einem Raum. Emma wandte sich zur Seite und drehte an einem Schalter und gelbliches Licht quoll aus alten Glühbirnen, welche unter der Decke hingen und leicht hin und her schwankten wie im Bauch eines alten Schiffes.

„Cool!“, sagte Justus.

„Stimmt!“, sagte Maik.

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