Bomben auf Utopia Tag 9

Tag 9

Tag 9 (26.1.2012)

Die Polizei!

Am letzten Samstag fanden Polizisten in den Wallanlagen im

Bremer Viertel einen 30 Jahre alten Mann bäuchlings schlafend, alle Viere von sich gestreckt mitten auf einer Grünfläche liegend. Als sie ihn erst zärtlich, dann rüde aus seinem Tiefschlaf geweckt hatten, richtete er sich schnell auf und kam mit einem militärischen ‚Stillgestanden!‘ schwankend vor den Beamten zum Stehen. An seiner rechten Gesichtshälfte klebte noch die halbe Wiese in Form von Gras und Laub, wie die Polizei später in ihrem Bericht vermerkte.

Auf seinen Zustand angesprochen, antwortete der junge Mann:

„Ich bin nur 30 gefahren. Sie können mich nicht anhalten, weil

ich zu langsam war. Ich fahre immer hier lang, und dann die Zweite links!“

Im Folgenden nach seinem Personalausweis gefragt, zückte der

Mann seinen Führerschein.

„Mein Fahrlehrer hat mir sogar einen Strich gegeben, weil ich hier

nur 30 gefahren bin. Darf ich bitte weiterfahren? Ich möchte dringend nach Hause!“

Daraufhin stieg er in den Streifenwagen und schnallte sich an. Nach einer kurzen Phase der Perplexität fuhr die Polizei ihn nach Hause.

An der Haustür verabschiedete er sich mit den Worten: „Bis Sonntag dann, Jungs!'“

Das war das letzte Mal, dass Justus mit einem Polizisten gesprochen hatte.

Lustige Geschichte!

Er hatte diese Geschichte später in der Zeitung gelesen und sich gut gelaunt wiedererkannt.

Doch hinderte ihn diese schöne Erinnerung daran, diesen dummen Polizisten, der jetzt mit Maik unter dem Arm vor der „Flaschenpost“ vor ihm stand, auf irgendeine Art und Weise ernst nehmen zu können, zumal Maik immer noch den Anzug trug, der ihn vor den Häusern im Viertel tarnen sollte – das hatte er sich jedenfalls so gedacht.

Da standen sie nun vor ihm, der Polizist und Maik – und

tatsächlich dachte Justus sich: „Ein klares Zeichen, dass du kein Kind mehr bist, ist, wenn sogar die Polizisten schon jünger sind als du selbst. Das Gefühl war genau wie früher, wenn du in der Zehnten warst und ein Sechstklässler muckte auf!“

„Also, wir haben hier jemanden, der behauptet von sich, ‚Maik‘ zu

heißen und zu Ihnen zu gehören – er trägt diese Bombe bei sich!“,

sagte der Polizist zu Justus und Emma, die fast ein wenig dankbar waren, dass Maik es wieder einmal geschafft hatte, mit seiner unbekümmerten Art, die oft an Dummheit grenzte, die emotional aufgeladene Situation zu entschärfen!

Maik steckte im Schwitzkasten des Polizisten in Kampfmontur, und dieser drückte ihn immer weiter in Richtung Boden, in Richtung Bürgersteig, der hier aus Betonplatten bestand und voll mit alten Kaugummis, durch Schuhe zerriebene Zigarettenkippen und Spucke war.

Das waren typische Zeichen eines Ortes, an dem Menschen warteten – und Warten, Warten als Beschäftigung, dass war in diesem Szenebezirk wie in jedem anderen Szenebezirk eine der Hauptsachen, mit denen man den Tag verbrachte.

Immer sehr spannend, das Warten auf Dinge, von denen man noch gar nichts weiß, eigentlich das Warten auf Zeit, die verrinnt, das Warten darauf, dass sich irgend etwas verändern würde.

Maik wartete in erster Linie darauf, wieder Luft zu bekommen, sonst würde sich hier bald etwas ganz anderes ändern!

Ein schönes Bild gaben die beiden ab: Maik in seiner selbstgemachten Tarnuniform im Schwitzkasten des Polizisten mit der echten Uniform und einem Gewichtsunterschied von etwa 30 Kilo, die jetzt auf Maiks Kopf lasteten.

„Hmm, brbrbr, hmm!“, kam es aus Maiks Kopf, während der Polizist die Unterhaltung fortsetzte. Er hielt dabei einen Metallgegenstand in der Hand, aus dem eine Lunte herausragte.

„Sagt ihnen diese Bombe etwas?“, fragte der Polizist Justus. Er war einer dieser Menschen, die lieber erst den Mann ansprechen, wenn ein Mann und eine Frau gemeinsam herumstehen.

„Vielleicht lassen sie den Jungen erst mal los und fragen ihn selbst?“, schlug Justus dem Polizisten vor.

„Nein, das geht nicht!“, antwortete der Polizist, und schon hatte Justus keine Lust mehr, nach dem Warum zu fragen. Der Polizist hatte sein Visier geschlossen und war dermaßen verpackt, dass es sich so anfühlte, als würde man sich mit einem Roboter unterhalten. Und mit einem Roboter eine Unterhaltung zu führen, das war ja nun wohl wirklich zu dumm!

„Wenn einer mit mir reden will, dann sollte das ja wohl von Mensch zu Mensch geschehen. Wozu gibt es denn Polizisten, wenn sie eigentlich wie Roboter sind? Die sollen doch das Zwischenmenschliche regeln – Roboter sollen die Sachen zwischen Robotern regeln. Menschen sollen Menschensachen regeln, wo soll das denn sonst noch enden?“, dachte sich Justus.

Maik dachte sich auch seinen Teil, während er unter dem Panzer des Polizisten ächzte.

„Tolle Uniform!“, dachte sich Maik.

„Und gute Schwitzkastentechnik, da kann man nichts sagen!“

„Vielleicht lassen sie ihn jetzt wirklich mal los, der leidet doch!“, sagte Emma, und tatsächlich lockerte der Typ im Panzer seinen Griff um Maiks Hals und bemächtigte sich in einer eleganten Bewegung Maiks Arm und seiner Hand, um ihm die Finger umzubiegen und ihn so mit einem Polizeigriff wiederum bewegungsunfähig zu machen.

„Also, was ist das?“, fragte der Polizist Maik nun doch. „Wozu tragen sie erstens diese Bombe und zweitens die affigen Klamotten?“

„Erstens“, keuchte Maik, „erstens weiß ich nicht, welche Klamotten Sie meinen – meine ja wohl nicht, denn die sind nicht affig! -, und zweitens: Wenn sie schon böse wegen dem Zünder sind, dann sollten sie sich mal die Bombe anschauen, und drittens: Weiß ich gar nicht, was das soll? Sie und ich stehen doch auf einer Seite, wir arbeiten beide für das Volk, und Sie sind doch auch ein Polizist!“

„Erstens“, antwortete nun der Polizist, „erstens ist ihre Kleidung schon affig!“, und schaute dabei in die Runde, und sowohl Steffi, die jetzt neben Maik stand, als auch Justus und Emma mussten verschämt nicken und grinsen, denn keiner von ihnen konnte gut genug lügen, um bei Maiks Anblick keine Miene zu verziehen.

„Zweitens, was soll das heißen, ein Zünder, ein Zünder für was?“

„Für die Puddingbombe!“, grinste Maik diabolisch.

Justus schlug sich die flache Hand vor die Augen und öffnete zwei

Finger, um zu sehen, ob Maik das jetzt wirklich gesagt hatte.

„Was denn für eine Puddingbombe?“, fragte der Polizist weiter.

„Ohhh Mann! Na, für das Raumschiff – tun Sie nicht so, ich weiß,

dass die Regierung da mit drinne steckt, und Sie wissen so gut wie ich, dass das Raumschiff ohne die Puddingbombe nicht starten kann, besser gesagt: Könnte es schon, aber es könnte den ‚Van-Helsing-Gürtel‘ nie durchdringen – und überhaupt – was ist das denn für eine doofe Frage? Warum sollte das Raumschiff ohne die Puddingbombe denn ÜBERHAUPT starten? Wer wäre denn wahnsinnig genug, diese Milliarden aus dem Rettungschirm für ein Raumschiff auszugeben, wenn überhaupt gar keine

Puddingbombe vorhanden wäre? Ihr von der Regierung überrascht mich wirklich immer wieder!“

Justus hatte die Hand immer noch vor dem Gesicht und beabsichtigte nicht, sie so schnell wieder in die Hosentasche seiner schönen Hose zu stecken.

„Was für eine Bombe?“, fragte der Polizist noch einmal.

„PUDDING!“, sagte Maik

„WAS?“, fragte der Polizist wieder, als eine Polizistin auf einem Pferd angeritten kam und neben Maik stehen blieb.

„Was geht hier vor sich?“, sprach die Pferdepolizistin, stolz auf ihrem Pferd sitzend, die Anwesenden an.

„Es scheint hier eine Puddingbombe zu geben, ruf’ den Einsatzleiter!“, antwortete der Polizist in Schutzmontur.

„Sieht ganz so aus, als wäre mir hier ein großer Fisch ins Netz gegangen!“

Er zog mit diesen Worten den Polizeigriff in Maiks Rücken nochmals an, um zu belegen, wie ernst es ihm war.

Justus beschloss, dass jetzt nicht der Moment war, die peinlich berührten Finger aus dem Gesicht zu nehmen, da er sich sicher war, dass sie wahrscheinlich augenblicklich wieder dorthin zurückschnellen würden.

Noch mehr Polizisten auf Pferden trafen vor der „Flaschenpost“ ein, und ein wuseliges Gerede entspann sich zwischen den Beamten.

„Sprengzünder!“, hörte man es zwischen dem Böllergeknalle zischen und flüstern.

„Puddingbombe, Raumschiff, Zeitreise!“

„Woher wissen sie von der Zeitreise?“, fragte Maik mit schockiertem Gesicht und bemerkte die ahnungslosen und mitleidigen Mienen der Anwesenden.

„Von Zeitreise habe ich nie etwas gesagt!“, herrschte Maik den ihn

immer noch festhaltenden Polizisten an.

„Ich bin doch nicht blöd, Euch von meiner Zeitmaschine zu erzählen. Das ist ein Geheimnis, das nur Napoleon und ich kennen, und so wird es auch bleiben – Inschalla!“

Justus‘ Hand klammerte sich jetzt aus Fremdscham so um sein Gesicht, dass mit Sicherheit ein roter Abdruck bleiben würde, wenn er sie herunternahm.

Langsam lösten sich die Finger ein bisschen klebrig von seinem Gesicht.

Er fuhr mit Daumen und Zeigefinger an seinen Wangen entlang, öffnete den Mund, streifte mit seinen Fingern die Mundwinkel und nahm sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete.

„Maik, ernsthaft? Das jetzt, da willst Du wirklich hin? Das wolltest Du

jetzt wirklich gesagt haben? Du willst wirklich, dass jemand glaubt, dass Du das ernst meinst?“, fragte Justus, an Maik gerichtet.

„Na, ich denke schon, dass er das ernst meint!“, antwortete der

Polizist für Maik.

„Er sagt: ‚Bombe‘, ich sage: ‚Was?’. Das ist die Standardprozedur bei Verdachtsfällen. Und ich weiß, dass auf dem Dienstweg von oben nach unten tatsächlich viele Informationen verloren gehen. Wir sind hier in Bremen – das ist nach wie vor international der Hauptstandort für Raumfahrttechnik. Und zufällig habe ich im Internet gelesen, dass die Regierung wirklich Sachen macht, die vor uns geheim gehalten werden.

Im Vertrauen, ich als Streifenpolizist bin kein Raketenwissenschafter,

aber ein Raketenwissenschaftler ist ja auch kein Streifenpolizist. Es

kann ja nicht jeder alles können!“

„Und sie meinen, der Raketenwissenschaftler wäre Raketenwissenschaftler, weil er es nicht bis zum Streifenpolizisten geschafft hat?“, fragte Justus unbekümmert und erwischte sich dabei, sarkastisch zu werden.

„Der Raketenwissenschaftler hätte bestimmt auch mal Lust, in tollen Klamotten mit Kumpels rumzuhängen, Angst und Schrecken zu verbreiten, Omas zu verkloppen, bei der Arbeit zu rauchen und sich mit interessanten

Leuten vor dem Schnapsladen „Die Flaschenpost“ zu unterhalten?“

„Ja. Natürlich. Ist doch nachvollziehbar!“, antwortete der Polizist.

Und tatsächlich, das konnte Justus vollkommen nachvollziehen:

Polizist zu sein war natürlich das Traumcomeback eines jeden

geprügelten Teenagers, der nie die Macht besessen hatte, andere

zu quälen und zu unterdrücken, nie diese Macht besessen hatte,

von der er und eigentlich ein jeder Junge in Jugendtagen träumte.

Für die, die nie was zu melden hatten, war Polizist natürlich ein

Traumberuf!

Und die, die damals auf dem Schulhof am Drücker gewesen waren,

die hatten ja meist durchweg positive Erfahrungen damit gemacht,

obenauf zu sein und andere dazu zu zwingen, zu tun, was sie

wollten. Wozu sollten sie das aufgeben? Da war Polizist ja ein

Traumberuf. Polizist zu sein ist doch so, wie immer der Älteste in der

Raucherecke zu sein!

Für rauchende Teenager und angehende Kleinkriminelle in Bremen

war es Usus, dass sich die gewaltbereiten Jugendlichen mit ihren

Gangs auf Spielplätzen versammelten, dort herumhingen und Scheiße

waren. Das war die logische Fortsetzung der Kindheitstage und wieder

einmal der Beweis, dass das Leben linear verläuft und für die meisten

Trottel, die sich nicht bemühen, keine Überraschungen bereithält.

Von diesen Spielplätzen übten sie ihre Macht aus – auf Schaukeln

und Klettergerüsten sitzend, immer spuckend und angebend

verbrachten sie ihre Tage, rauchend, denn Rauchen ist cool und

steigert das Ansehen in der Clique.

Und natürlich – was wäre naheliegender, als den Spielplatz gegen

ein nettes Haus zu tauschen, es Revier zu nennen und auch noch

immer frischen Kaffee zu haben, Geld dafür zu bekommen und

gleichzeitig noch der gefährlichsten Gang des Landes anzugehören?

Eigentlich sagt man das ja von Lehrern, dass die Menschen Lehrer

werden, die nie wirklich Lust auf das wahre Leben hätten, weil: Aus

der Schule zurück in die Schule, das ist ein kleiner Kreislauf – aber

die Struktur ist ja die gleiche!

Der Lebensweg vom Opfer zum Täter wohnt ja in jedem Menschen.

Wer früher geschlagen wurde, der schlägt ja wieder!

Aber genauso wenig, wie alle Lehrer hohl und geistig gewalttätig sind,

sind auch nicht alle Polizisten korrupte Schläger. Aber entweder

kennen sie es schon von früher, oder sie wären es früher gerne

gewesen!

„Da haben sie Recht – das mit dem Polizist sein, das ist wirklich

nachvollziehbar!“, musste Justus zugeben,

Jetzt mischte sich auch Steffi ein.

„Ich finde, Sie haben einen ehrenhaften Beruf, mein Vater gehörte

auch zu Ihnen!“, sagte sie.

„Na, da wird Ihr Vater aber stolz auf Sie sein, dass Sie als Polizistentochter

jetzt hier mit so einem Maik herumhängen!“, antwortete der Polizist.

„Mein Vater war kein Polizist, mein Vater IST Dieb und Einbrecher!

Und mal ehrlich, das ist ja auch ganz supergeil von Ihnen: Ich

kenne sonst keinen, der sein Geld damit verdient, seine Kundschaft

zusammenzuschlagen! Gar nicht mal schlecht – Hut ab!“, blaffte Steffi

den Polizisten an, steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel

und tastete ihre Taschen nach einem Feuerzeug ab, zog es aus der

Hose, hielt es in der Hand und fragte der Polizisten mit zur Seite

geneigtem Kopf: „Oder nicht, Mahoney?“

Da stand er nun, der Herr Polizist, und wusste jetzt auch nichts mehr zu

sagen. In der Linken den Sprengsatz mit der heraushängenden Lunte, in

der anderen Maik, um ihn herum mittlerweile drei Pferde mit drei Polizisten,

die ihn anschauten, und er bemerkte langsam, dass ihm die Situation zu

entgleiten schien. Da erinnerte er sich kurz daran, was sie ihm auf der

Polizeiakademie beigebracht hatten: „Denke an ein Bild, das Dich beruhigt“,

hatten sie ihm gesagt, „einen Ort, an dem Du zu Hause bist!“

Und er hatte sich einen weissen Sandstrand vorgestellt, mit zwei schräg

wachsenden Palmen und einer dazwischen gespannten Hängematte, einem netten Cocktail und einer großen Tüte Gras, sein kleines liebstes Laster, das es ihm erlaubte, in dem kiffertypischen Selbstzweifel die Polizei für ein paar Minuten mal nicht so geil zu finden.

„Suche einen Ort in Dir, an dem Du ruhen kannst!“, hatten sie gesagt.

Und das tat er.

Er ließ den Griff, in dem er Maik hatte, etwas locker und die andere Hand

mit dem Luntending sinken und versuchte sich zu sammeln.

Er war ein guter Polizist – zum Abitur und zur Kriminalpolizei hatte es nicht

gereicht, aber trotzdem war er ein wichtiger Teil zur Aufrechterhaltung von

Recht und Ordnung. Er konnte schnell laufen und gut Befehle befolgen.

Und unterschwellig war er der Meinung, dass schnell Laufen und ein guter

Polizeigriff und Befehle befolgen wichtiger war als das dämliche Rumgequatsche all der Kripoarschlöcher, die sich eh für etwas Besseres hielten!

Langsam hatte er sich gesammelt. Es gab genug anderes zu tun, um sich nicht mit diesen vier Idioten hier rumschlagen zu müssen.

Am besten verhaften, ab in den Bulli, ab zur Wache und sie dann erst mal

schmoren lassen – konnten sie dann ja sehen, wie lustig sie es fanden, Sylvester in der Zelle zu verbringen!

Er dachte noch einmal kurz an seinen Strand und seine Palme, seine Tüte und seinen Cocktail und wollte sich einen Ruck geben, als die Tür der „Flaschenpost“, des Getränkeladens hinter ihnen, aufflog.

„Was ist hier denn los?“, fragte der Verkäufer, welcher aus der „Flaschenpost“ geeilt war, vor der sie alle immer noch standen, um zu sehen, was denn da los war.

„Nichts, nur ein bisschen Stress!“, antwortete einer der Polizisten auf dem Pferd.

„Was – nur ein bisschen Stress? Hier stehen drei Pferde und ein Polizist mit einer Bombe oder so was vor meinem Laden! Justus hier ist Stammkunde bei mir, da werd‘ ich ja wohl fragen dürfen, oder muss ich da erst was Formular ausfüllen? Steht hier ein Pferd auf’m Flur, oder was?“, fragte der Kioskbesitzer.

„Raus! Ich meine, rein!“, rief der Berittene.

„Noch wer Bier?“, fragte der Verkäufer und verschwand in seinen Laden.

Der Polizist mit Maik im Arm dachte sich nun endgültig: „Also los, Bulle!“

Bulle nannte er sich selber, weil er ja nicht nur Bulle, sondern tief in seinem Inneren ja immer noch erlebnisorientierter Jugendlicher war, und bemerkte in genau diesem Moment der Stärke, wie es an seinem Handschuh warm wurde.

„Ich spüre die Kraft in mir aufsteigen, in den Füssen, den Beinen – meine Hand wird schon ganz warm, ich spüre die Energie!“, dacht er sich, schaute auf Maik und dann auf Steffi, die mit ihrem brennenden Feuerzeug dastand und gerade den Sprengsatz in seiner Hand angezündet hatte. Sein Blick wanderte zwischen seiner Maik festhaltenden Hand und seiner den Sprengsatz umklammernden Hand hin und her.

Er blickte sich um und stopfte den Sprengsatz in den Ausgabeschlitz des neben ihm an der Fassade angebrachten Geldautomaten.

Diesmal war es nicht wie bei dem kleinen Böller, der vor zehn Minuten vor ihren Füssen verreckt war!

Maik schrie: „WEG!“, und alle machten einen Satz zur Seite und Panik

ergriff die Umstehenden. Die Polizisten auf ihren Pferden rissen am Zaumzeug, so dass ihre Pferde sich aufbäumten und rückwärts trippelten. Die umstehenden Passanten merkten erst gar nicht, was da los war, machten aber ebenso einen Satz zurück, so dass ein Halbkreis entstand, der nun gebannt auf den Geldautomaten schaute. Justus packte Emma am Arm, zog sie zu Steffi herüber, sah Maik in dem ganzen Trubel

grinsend stehen und dachte sich: „Was soll’s!“, schubste ihn weg, und alle vier rannten auf die andere Straßenseite, bogen vor dem Lokal „Das Wohnzimmer“ nach links ab und hasteten zurück in Richtung Eck.

Justus drehte sich noch einmal um, schaute über seine Schulter und sah die Menschen auf der Straße stehen, die nach wie vor mit Böllern um sich warfen und Raketen aus der Hand starteten, und er sah diesen Halbkreis um den Geldautomaten herumstehen und die Polizisten, die versuchten, die Menschen weiter zurückzudrängen, welche wiederum in ihrer Betrunkenheit anfingen, auf die Polizisten einzupöbeln.

In diesem Moment machte es „BOOOM!“, und der Sprengsatz explodierte.

Der Knall ging nicht in der allgemeinen Geräuschkulisse unter, er war wie die Mutter aller Böller!

Die Explosion zerriss den Geldautomaten, und eine Staubwolke platzte aus der Wand heraus, nach vorne und nach oben, bis fast zur Höhe der Häuser, und dann wurde es still.

Der Halbkreis hatte sich inzwischen genug geweitet, um schlimmere Verletzungen zu vermeiden, aber einige in der ersten Reihe verloren das Gleichgewicht und fielen auf den Boden.

Einen Moment lang war es noch still gewesen, dann hatten die Pferde gewiehert, sich aufgebäumt und ihre Polizisten abgeworfen, die nun verdattert auf dem Boden lagen.

Dann begann ein Kreischen und Geschrei, als wäre es schon Zwölf Uhr, nur dass hier niemand anstoßen wollte. Die Explosion war so laut gewesen, dass die meisten der im nahen Umkreis Stehenden nichts mehr hören konnten, und der Staub und die kleinen Putzbrocken der explodierten Mauer, in der der Geldautomat gesessen hatte, begannen, auf die Menschen hinabzuprasseln.

Justus, Emma, Steffi und Maik waren jetzt stehengeblieben und sahen vom „Cinema“-Kino aus, wie sich die Aschewolke senkte.

Hoch über dieser Wolke waren kleine Fetzen zu sehen, die im Wind auf Höhe der Dächer der umstehenden Häuser hin und her schwebten wie Blätter im Herbst und langsam, ganz langsam in Richtung Boden glitten.

Die Menschen auf der Straße schauten nach oben – Staub war noch in ihren Augen, die sie sich jetzt rieben, und dann sahen die Ersten den bunten Strauß Blätter, der auf sie zu sank.

Tausende Euro in allen nur erdenklichen Scheinen schwebten zu den Leuten hernieder.

Ganz langsam, verteilt über das ganze Areal zwischen Sielwallkreuzung und „Cäsar“, schwebten die Scheine umher, wurden manchmal von einer Windbö erwischt und wieder hinauf getrieben.

Justus stand neben Maik, und beide mussten lächeln. Denn auch, wenn sie sonst nicht so ganz viel gemeinsam hatten: Das eben Geschehene freute sie doch beide!

Justus war sehr glücklich über die Menschen, die sich nun aufrappelten und begannen, in die Luft zu springen, um sich das Geld zu greifen. Das sah lustig aus, und es war davon auszugehen, dass dies wirklich noch ein lustiger Abend im Viertel werden würde.

„Geschockte Menschen mit Geld zum Versaufen – Traumkombi!“, dachte sich Justus.

Er hielt immer noch Emmas Hand, und plötzlich fiel ihm auf, dass es vielleicht doch besser wäre, jetzt erst einmal Abstand zu gewinnen, denn immerhin – das konnte man jetzt wirklich nicht anders sagen -, das war ja denn doch ein Bombenanschlag gewesen, und – das vergisst man natürlich oft -, das Gute an Selbstmordbombenanschlägen war ja, das man nicht mehr weglaufen musste!

Sie aber begannen zu rennen. Richtung Eck, vorbei an der „Lightplanke“, über den Sielwall, rüber zum Hot-Dog-Laden, an der „Sparkasse“ vorbei, zum „Golden Shop“, vorbei an einer Gruppe gutaussehender Ultras, die gerade irgend etwas cooles Ultra mäßiges machten, weiter die Strasse hinunter bis zu den Hinterhöfen der Häuser mit dem blauen Licht.

Außer Atem blieben sie stehen.

Plötzlich begann Steffi zu kichern. Dann Emma. Dann Justus.

Und als Maik dann begann, laut zu lachen, klang es ein wenig wahnsinnig und unangebracht.

Aber was soll’s? Wer kann Maik schon böse sein?

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