Bomben auf Utopia Tag 6

Tag 5 (29.12.2012)

Mehr Geld! Ich sterbe hier vor Hummer.

Die Vier: Justus, Maik, Emma, Steffi – sie sitzen vor dem „Coffee Corner“ am Eck – es ist am Abend, und es ist der letzte Abend im Jahr, und sie denken sich: „Nun ja, jetzt ist das Jahr zu Ende und das nächste, es wird wohl das letzte Jahr sein!“

Da drüber denkt ja jeder anders, also darüber, wie sie damit untergehen könnten, mit der Welt und dem Ende von allem.

Und noch anders denkt ja jeder, wie sie untergehen sollte, die Welt:

Vielleicht ganz in Ruhe, wie Justus es sich wünschen würde, oder irgendwie mit vielen Gefühlen, weil Emma das Ende der Menschen gerne so hätte, wie sie selbst ist: Gerne mit vielen Gefühlen!

Maik, der sich wünschen würde, dass alles wegen ihm untergeht, oder Stefanie, die es wohl am besten fände, wenn das gar nicht geschehen würde, weil sich dann ja so viel verändert, und sie weiß, dass man auch mal zu schätzen wissen muss, wie toll es ist, wenn die Dinge so gut bleiben, wie sie sind.

Aber so, im Abendlicht unter den im Wind schwankenden Straßenlaternen, so mitten im Gesicht der Menschen, da kann man sehen: Diese ganze Idee und die ganze Hoffnung von und auf den Weltuntergang, sie sind ja doch nur der traurige Versuch eines einzelnen Menschen, einen möglichst großen Unterschied in der Geschichte der Menschheit zu machen; der alte Kampf zwischen dem Künstler und dem Elternteil: Wie ist es bequemer, unsterblich zu werden?

Der größte Nachteil, den so ein Weltuntergang hätte, der wäre ja, dass man selber wahrscheinlich auch tot ist, denn tatsächlich: Wenn man selber überlebt, dann ist es ja kein richtiger Weltuntergang!

Es geht ja wie bei allem, das man erlebt immer darum, dass alles mehr Spaß macht, wenn man Leute dabei hat, die man mag. Und wenn alle auf einmal gehen, dann sind natürlich auch die, die man mag, dabei.

Tot, das ist jetzt vielleicht ein wenig unangenehm – tot geht ja ein jeder irgendwann, und tot ist tot, da ist es mit der Differenzierung ja nicht mehr so weit her, weil für einen Toten ja alle, die nicht tot sind, eher egal sind. Auch sterben ist Teil unserer Eventkultur – was für ein ökonomischer Wahnsinn wäre es, alleine zu sterben. Man feiert ja auch nicht alleine eine Party!

Ich sage: Schluss mit der Passivität der Familiengräber!

Anders herum ist dieses Dasein als Hinterbliebener ja auch meist unausgefüllt. Das, was man als Weiterleben bezeichnet, wenn man einen Sterbenden trösten will, ist ja nur der Versuch der Hinterbliebenen so zu tun, als wäre der Tote gar nicht tot.

Tatsächlich muss man den Sterbenden ja zugestehen, dass es manchmal auch einfach Zeit zum Gehen ist. Dass es jetzt genug ist. Dass es reicht. Dass Schluss ist!

Und an diesem Schlusspunkt ist, wenn man sich in den Innenstädten der Welt mal umsieht, an dem Punkt also ist nicht nur ein einzelner Mensch, sondern wohl eher die ganze Menschheit angekommen – und tatsächlich sollte man mit dem Menschengeschlecht im Ganzen eigentlich genau so umgehen wie mit einem einzelnen Menschen auch.

Wahrscheinlich ist die Hoffnung auf den Weltuntergang nur der letzte Versuch, mit noch ein wenig Würde in den Sarg zu fallen – in den Holzpyjama, wie der Österreicher sagt.

Wie mit einem Sterbenden umgegangen wird, ist aber tatsächlich doch eher so wie mit einem Künstler. Man steht vor dem schönen Ölbild eines Künstlers und sagt ihm nicht: „Das ist ein schönes Bild, da hast Du ein tolles Bild gemalt! Lass’ es so, besser wird es nicht!“

Einem Künstler wie einem Sterbenden wird dagegen gesagt: „Nein, hier noch ein Strich, hier noch ein Strich, hier ein Schatten, hier ein Lichtwurf – hör’ bloß nicht auf, mal weiter!“

Weiter, bis am Schluss das ganze Bild an Würde verloren hat und einfach nicht mehr rund ist. Man nöhlt ihm solange ins Ohr, dass er weitermachen soll, bis er sowieso taub ist und sich denkt: „Mein Gott, war das Leben kurz!“

Aber alles, was einer darauf antworten kann, ist ja: „Das Leben ist nicht kurz. Tatsächlich ist das Leben das längste, was Du jemals tun wirst!“

Länger als das Leben ist nur die Kunst, und wenn einer einen tollen Künstler fragt, was das Wichtigste bei seinem schönsten Werk war, dann ist die Antwort oft: „Ich wusste, wann es fertig war – und das gilt auch fürs Leben!“

Also: Zurück zu Künstler Justus.

Da sitzt er, in den schönen Hosen, mit der Seide innen, die ihm so an den Beinen schmeichelt, und besieht sich die anderen Drei: Steffi, die vor ihm steht und vom einen Fuß auf den anderen wippt, weil es ja doch ein bisschen kalt ist.

Maik sitzt da, in diesen seltsamen urbanen Tarnklamotten, die bestimmt sehr seltsam und merkwürdig aussehen, mit diesen Schuhen wie Pflastersteine und der Oberbekleidung, die aussieht wie Altbremer Häuser von vorne, nur damit er sich davor verstecken kann, so als wäre Maik selbst ein Haus.

Vollkommen außer Frage, wie doof das aussieht: Es sieht sehr doof aus, wie so vieles, was Maik tut, wenn ein Tag lang ist!

Aber einen Menschen wie Maik dafür zu verlachen, dass er tut, was er für das Richtige hält: Da würde sich doch nur zeigen, dass da ein Dummkopf über einen Dummkopf lacht!

Tatsächlich mag Justus es nicht, wenn Leute mit dummen Wörtern bedacht werden, und die Gewohnheit von früher, als Maik immer nur „der Idiot“ genannt wurde – findet er -, wird dem Maik nicht gerecht.

Natürlich ist er ein problematischer Mensch, und einfach ist das mit ihm bestimmt nicht. Aber das ist ja sowieso schwierig mit dem Zwischenmenschlichen, wo der Computer doch nun wirklich mittlerweile so viel unterhaltsamer ist als der Mensch, der direkt neben einem sitzt.

Und toller ist er, der Computer und dazu meistens nur zwei Meter entfernt, und das Tollste ist ja: Wenn der Computer einen nervt, dann kann man ihn ausschalten. Das ist bei Menschen ja oft leider strafbar!

Das was Maik passiert ist, dass er das jetzt soviel macht mit dem Surfen und dem Spielen am Computer, das ist schon ganz nachvollziehbar, denn, wenn man es nicht gerade darauf anlegt, dann ist die reale Welt nicht sehr interessant.

Anders gesagt, die Welt an sich ist immer genauso, wie man sie nicht haben möchte!

Es ist nahezu unglaublich, wie langweilig, belanglos, dumm und beleidigend die Welt sein kann, wenn man es genau darauf anlegt, so von ihr behandelt zu werden!

Dass die Welt bunt und toll und schön, unbändig an einem interessiert, hungrig auf ihr Gegenüber und insgesamt einfach nett ist, wenn man sie auch so behandelt, das ist schon sehr schwer einzusehen!

Denn: Wenn man auch nur einmal nicht aufpasst und zulässt, dass die Welt ätzend und anstrengend und dumm und anmaßend aussieht, wenn man also selbst die Welt als ätzend, anstrengend, dumm und anmaßend ansieht – dann ist es ganz schwer, der Welt diesen „Look“, diese Maske wieder abzuziehen, denn was gesehen wurde, kann nicht ungesehen gemacht werden!

Wer gesehen hat, wie dreckig die Welt sein kann, der wird das nicht so schnell vergessen!

Anders als Schönheit.

Schönheit zu vergessen, das dauert oft genug nur einen Wimpernschlag.

Denk’ nur an die Liebe von gestern!

Es ist also tatsächlich eine Anstrengung, die Welt immer so zu sehen, dass sie einem Freude macht – und wenn man vergißt, die Welt glücklich anzusehen, da kann man keinem böse sein, denn es ist nur menschlich, sich lieber nicht so sehr anstrengen zu wollen.

„Das hat dann wohl etwas mit der Trägheit der Masse zu tun!“, denkt sich Justus, als er so zuhört. „Ich habe den Menschen schon immer eher als träge und unförmige Masse angesehen. Ein einzelner Mensch ist ungefähr so sympathisch wie halt irgend so eine Masse von irgendwas. Aber wenn dann aus der Masse auch noch Massen werden – Menschenmasse zu Menschenmassen -, dann hört es ja auf, da quillt die Lust auf den Weltuntergang einem dann zu den Ohren heraus und schmeckt nach Galle.

Aber, genau gedacht, genau gedacht und ehrlich gesagt, ist wohl für die meisten Menschen das Angenehmste das Wissen, dass sie wenigstens nichts mehr verpassen, wenn alle Menschen auf einmal sterben.

Das ist ja mit der wichtigste Grund, um die Trägheit der eigenen Masse zu überwinden, um überhaupt irgend etwas zu tun: Die Sorge, etwas zu verpassen!

Deswegen haben die dummen Discos ja bis morgens um Neun auf.

Schnell noch ein bisschen Umsatz mit der Angst der Leute vor dem Verpassen machen. Das ist ja alles Geld, das gegen das Verpassen gezahlt wird – das ist ja in Kneipen und Technodiskos sozusagen ein dynamisches Eintrittsgeld in einen beschissenen Abend!

Mit einem auch nur halbwegs funktionalen Verstand ist das Verbleiben in einer Technodiskothek nach vier Uhr morgens ja wohl kaum noch zu erklären!

Wie schafft man es eigentlich, alle sieben Tage wieder zu vergessen, wie toll ein Morgen ohne Kater ist, wie schafft man es dumm genug zu sein, zu vergessen, dass die Qualität eines besoffenen Abends höchstens einmal im Jahr den Schmerz eines schweren Katers übersteigt!

Wie oft ist es mir nicht schon passiert, dass ein vollkommen verkaterter Freund angerufen hat, um mir vom Abend zuvor zu berichten. Und wie oft ist es mir da passiert, dass ist mir dachte: „Verdammt, hätte ich doch jetzt bloß auch einen Kater!“

Und das Verwegene, was im Trinken über dreißig liegen soll – es ist ja dann doch eine Legende. Schön gesagt von ihrem Erfinder: „Ihr glaubt, es wären Sex, Drugs and Rock´n´Roll – in Wahrheit ist es Aids, Chemie und Techno, und wenn nicht das, dann zu Hause in den Computer zu schauen, bis es wieder Wochenende ist – in den Computer zu gucken und darauf Spiele spielen. Und wenn jemand der Meinung ist, das würde mit dem Menschen nichts machen, Computerspiele könnten die Menschen nicht beeinflussen, dann kann man nur sagen: „Wenn uns damals „Pac-Man“ beeinflusst hätte, würden wir heute in dunklen Räumen umherlaufen, elektronische Musik hören, Pillen mampfen und ständig aufpassen, nicht erwischt zu werden!“

Wie toll wäre es, wie wichtig könnte man sich fühlen, könnte man sich beim Tod von allem und jedem denken: „Das Tolle am Armageddon, am Ende von allem – das Allerbeste ist ja, das man garantiert nichts mehr verpasst!`“

Justus besieht sich das Eck und sieht, wie sie um ihn herum, alle schon ein wenig in Neujahrsstimmung verfallen. Das neue Jahr, Sylvester, das ist so wie diese Kilometermarken beim Marathonlaufen. Da freut man sich auch, dass man noch dabei ist und trinkt etwas.

„Da möchte man einmal in Ruhe hier sitzen“, denkt sich Justus, „sich nicht immer Gedanken machen, einfach nur einmal da sitzen und an gar nichts denken. Auf einer Fensterbank sitzen, oder vielleicht auf einem Stuhl sitzen, aber immer, immer, immer kommt irgendetwas dazwischen!

Früher war das mal anders. Früher war das bei mir so: Da hatte ich mir mal gedacht: „Ein Sofa, ganz aus Leder. So ganz, ganz,  ganz aus Leder, das finde ich toll!“

Und das habe ich mir damals gekauft. Schwarz ist es, das Sofa, ein schwarzes Sofa. Oft setz ich mich gerne auf mein Ledersofa und finde das gut – einfach so.

Früher in jungen Jahren, da habe ich immer auf einem Stuhl gesessen, sonst nichts.

Da würde jetzt ja vielleicht ja einer sagen: „Nur so auf einem Stuhl sitzen? Was machst Du denn da so, auf deinem Stuhl? Einfach nur sitzen, das ist ja noch gar keine Aktivität – da musst Du doch was machen, irgend was, was man sonst so tut, wenn man auf einem Stuhl sitzt? Gucken zum Beispiel, etwas angucken zum Beispiel!“

Aber da sage ich: „Nö!“

Muss ja nicht immer etwas machen!

Zugeschrien wird einer ja heutzutage: „Aktiver Lebensstil, aktive Entspannung, neuester Trend, Meditation!“

Machen ja sogar die Arbeitslosen heute: Runterkommen vom Arbeitslosenstress, aktiver Stressabbau, Meditation.

Da sitzte da, und dann alle so: „Om!“

Aber wenn ich hier einfach nur mal in meinen vier Wänden sitzen will, einfach nur mal so auf einem Stuhl sitzen will: „Geht ja gar nicht!“, schreien die Leute. „Du verschwendest dein Leben!“, schreien die Leute.

Ich glaube, gerne würden sie sogar schreien: „Vater Staat liegst Du auf der Tasche mit Deinem Nichtstun, mit Deinem unnormalen Verhalten!“

Eigentlich mag ich das Ledersofa gar nicht.

Manchmal, da wünsch’ ich mir sogar meinen Stuhl zurück!

Der hatte so etwas Reines, Klares hatte der.

Da hat man das Nichtstun noch so richtig gespürt – das kam so die Beine hoch gekrabbelt und gekribbelt und nach nur ganz kurzer Zeit war das ein Gefühl von Ganzheit sogar.

Damals, als ich noch scharf auf Veränderung war, da blühte vielleicht sogar ein bisschen so ein Gefühl von Revolution auf!

Und das Gefühl, das ganz normale Gefühl.

Ein normales Gefühl in einem normalen Körper in einem normalen Menschen – und das alles in einer vollkommen durchrüttelten, verzerrten, verrückten und geprügelten Welt.

Wenn ich dann da so sitze, dann hat das doch schon etwas von einer Revolution, dieses Nichtstun!

Denn schön ist ja schon, einfach da zu sein und zu sagen: „Ich schulde niemandem etwas, und wenn ich keinem etwas schulde, dann, ja dann muss ich ja nichts machen.

Weil: Gar nichts – das schulde ich den Leuten! Und genau das tue ich: Gar nichts!“

Und, kein Quatsch: Der Justus, der schuldet wirklich den Wenigsten irgendwas, und wem er was schuldet – da hat er Justus aufgepasst -, denen schuldet er nur genau so wenig, dass es ihnen viel zu doof ist, da ewig hinterher zu rennen!

Da sitzt er nun hier, immer noch auf dieser Fensterbank, und eigentlich war alles gut gewesen, bis Emma um die Ecke kam und der Meinung war, eine Geschichte über ihre Großmutter vorlesen zu müssen. Und eigentlich gefällt ihm das ja auch, mit den Geschichten und den Gefühlen und den Dingen und dem Dies und dem Das – aber, obwohl ihm das gefällt, ist es doch sehr, sehr oft nicht so ganz das Richtige mit den Gefühlen. Das ist viel zu oft viel zu viel, weil: Das größte Problem, was es gibt, ist ja, das die Zeit und der Wandel der Dinge immer schneller wird – die Gefühle aber nicht!

Emma und Justus, sie kennen sich ja schon länger, und es gibt da ein Problem.

Aber das Leben an und für sich, das ist ja kein besonders schweres Leben. Natürlich muss immer jeder mit seinem Rucksack herumrennen und sich bemühen, trotzdem einen flotten und attraktiven und eigenen Schritt zu bewahren.

Man kann ja nicht immer so aus der Wäsche gucken, als wäre man komplett hoffnungslos. Aber gar nicht mal unbedingt nur wegen den anderen Menschen. Vor allem darf man nicht so aussehen, weil man ja nie weiß, wo das nächste Schaufenster ist, in das man zufällig hineinschaut und sich dann selbst anschauen muss.

Das Gefühl, sich selber bei der Hoffnungslosigkeit zu entdecken, das ist wirklich problematisch und unbedingt zu vermeiden!

Denn, sich dabei anzusehen, das steigert die Hoffnungslosigkeit ja noch, denn keine Hoffnung mehr zu haben, nicht mehr hoffnungsvoll zu sein, das ist kein Minus mal Minus ergibt Plus, sondern das ist ein ganz böses Minus mal Minus  – das ergibt Minus und mal Minus und hoch Minus und Wurzel aus Minus und was auch immer mal geteilt und sonst wie was: Das ergibt immer Minus – und tatsächlich gibt es da oft nur noch eins, nämlich ins Bett gehen!

Aber wenn man so traurig ist, dann kann es schon sein, das man vereinsamt, geschieden und betrunken ist.

Und wenn man nicht mal mehr ein eigenes Bett hat, dann gibt’s Probleme!

Das Problem mit Justus und Emma, das sind diese Rucksäcke, die sie tragen. Das Scheffel, wie man früher gesagt hat, wenn das Gewicht auf den Schultern so schwer geworden ist, dass man nicht noch mehr tragen kann – dann kann man dem anderen seins ja auch nicht abnehmen, und das macht einsam.

Einsam ist ja, wenn man in der Stadt steht und eine Glasflasche „Cola“ trinkt und dann etwas machen will und sagt: „Halt mal!“ Und dann zerknallt die Flasche auf dem Boden und die Leute lachen doof. Das ist einsam.

Mit Emma und Justus ist es ungefähr so, als hätten sie beide immer in jeder Hand eine Flasche „Cola“ und wären alleine auf der Welt. So ist in etwa das Gefühl.

Sie klammern sich dann wohl daran, dass das noch mal was wird mit ihnen, aber da geht es um die heilende Kraft des Glaubens und nicht um die strahlende Schönheit der Zukunft.

Zur Zeit.

So wie Justus da gerade sitzt – mit der Kapuze auf -, schaut er sich die andern um ihn herum an: Die haben auch Kapuzen auf.

Und da denkt er sich, wie langsam die Zeit doch vergeht, und dass sie immer langsamer vergeht, je langweiliger irgend etwas ist. Und das ist Hoffnung für alle, die da sitzen, denn besonders spannend findet hier keiner sein Leben, und tatsächlich: Das wäre es doch mal: Im Auftrag der Unsterblichkeit das Leben so langweilig zu machen, das die Zeit nur noch wie fetter, saftiger Teer durch das Stundenglas des Lebens rinnt.

„Justus, ey, Justus, was geht?“, schreit ein Teenager von der anderen Straßenseite.

Justus steht auf – er spürt wieder die schöne Hose an den Beinen und ärgert sich dann natürlich, denn so – wie eben gerade gedacht -, hat ihn diese Freude natürlich wieder teure Lebenszeit gekostet!

Erwischt man Einen beim Sterben, sagt er: „Die ersten 18 Jahre – sie sind genauso lang wie der Rest vom Leben!“

Was ja rückblickend heißt, dass man die Hälfte des Lebens als relativer Vollidiot verbracht hat und man sich eigentlich als Erwachsener nur bemühen kann, den Scheiß irgendwie wieder auszubügeln.

Aber so ist es halt, das Leben: Verstehen tut man´s erst, wenn man gleich stirbt. Und das ist ja auch ein großes Problem am angekündigten Untergang der Welt: Die Menschheit endet genau so, wie sie immer war – als ein Haufen von Klugscheißern!

Zusammengefasst ist es so, das Leben – das Leben, das ganz normale Leben, das Leben also ist doch so: Du rennst ein bisschen rum, hast keine Ahnung von nichts, und noch ehe dir das auffallen kann, da sagt dir das Leben: „Tu’ was, mach’ was, damit Du Dich nützlich fühlst!“

Und da: In dem Moment, da sagt das Leben dir eigentlich nur eines: „Such Dir eine Sackgasse aus und entspann Dich, bis Du stirbst!“

Justus steht auf.

„Ich gehe zur „Flaschenpost“, und da heute Sylvester ist, werde ich mit einer kleinen Trickbetrügerei eine Flasche Wodka klauen. Diese Flasche werde ich dann mit euch teilen. Ich möchte mit euch auf das neue Jahr trinken, denn irgendetwas sagt mir, dass wir uns dieses Jahr öfter sehen werden. Und irgendetwas sagt mir auch, dass wir nicht allein sein werden. Also werden wir alle gemeinsam trinken, solange der Wodka reicht. Und dann werden wir noch einen Wodka trinken, einfach nur so. weil wir es können!“

Mit diesen Worten steht Justus da. Die ersten Heuler zischen um ihn herum, ein Böller explodiert in einem Hauseingang gegenüber vom „Coffee Corner“ und reißt ein Türschild herunter, auf dem „Sven Regener“ steht. Aus der „Lightplanke“ gegenüber dringen schnupfende und schluckende Geräusche über die Straße. Der Besucherstrom von Zugereisten ins Viertel nimmt zu.

Justus steht noch einen Moment still und beobachtet die Menschen, die gut gelaunt und angetrunken vorbeiziehen und vorbeiwanken.

Er schaut sich seine Leute, die dort sitzen, noch einmal kurz an.

Ein kurzes Lächeln umspielt seinen Mund, er wendet sich um und verlässt laut schlurfenden Schrittes seinen Platz, vorbei an einem Schild, auf dem geschrieben steht:

„Der Cocktail der Nacht: Die Tränen unserer Feinde!“

In diesem Augenblick geht über das Eck ein geradezu unendlicher Verkehr.

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