Bomben auf Utopia Tag 5

Tag 5 (29.12.2012)

DIE VERGANGENHEIT, DIE ZEIT, DAS ECK, ALLTAGSSORGEN/ZUKUNFTSANGST.

Da sind sie nun, die Vier. Der Maik und die Steffi und die Emma und der Justus. Langsam treffen sie alle an der Sielwallkreuzung ein.

Der Justus er hat sich eine teure Jeans zu Weihnachten gekauft. Vor dem „Coffee Corner“, da neben „Titus“, da will er sich auf die kleine Fensterbank setzen, und in dem Moment freut er sich, dass seine neue Hose von innen mit Seide ausgekleidet ist. Das ist gut, denn von außen sieht sie alt und speckig aus – das trägt man jetzt so und entspricht ein wenig dem Zeitgeist – und dem kann auch er sich nicht entziehen, denn was ist schon so peinlich wie eine veraltete Hose. Bei Hosen muß man da immer vorsichtig sein!

Eine speckige alte Hose, deren letzte Tage schon angebrochen zu sein scheinen: Sie fällt fast auseinander, aber von innen, da ist sie mit feinster Seide verkleidet und rutscht an den Lenden, Knien und Waden entlang, dass es eine wahre Pracht ist, jedesmal wenn Justus sich hinsetzt. Warm im Winter, kühl im Sommer, so ist diese Hose. Außen sagt sie: „Ihr könnt mich doch alle mal!“ Und innen sagt sie: „Ich bin piekfein, toll, teuer, luxuriös und insgesamt ein Traum!“ Und das ist doch eigentlich ein ganz schönes Bild für Justus, denn er ist wie seine Hose – und das, das ist ja ganz wichtig bei Hosen: Sie sollen so sein, wie der Typ, der da drinnen steckt – und so, so ist diese Hose wirklich: Wie der Justus an sich!

Was das für ein Jahr war, denkt er sich: Irgendwie – und das kann man ja gar nicht anders sagen – war es kein besonders lustiges Jahr. Diese ganze Japan-Geschichte und diese ganzen Leute, die sie umgebracht haben. Den bin Laden haben sie erschossen, den Gadaffi haben sie gepfählt. Was sie mit dem Kim Jong-il gemacht haben, weiß auch keiner, und Kollegah wird wohl aufgrund von gut gemachten, aber wohl unverantwortlichen Witzchen das gleiche Schicksal ereilen – immerhin ist er der Boss der Bosse und hat Bitches mit knappen Kleidern, so wie des Ritters Gesell‘!

Ansonsten, jetzt im Jahr 2011: Das wäre die erste Chance für ein Revival der Nullerjahre gewesen, wäre denn in den Nullern irgendwas gewesen. Aber, wenn man mal so nachdenkt: Nein, da war nichts. Oder da war so viel, dass man das alles gar nicht mehr auseinanderklamüsern kann, weshalb auch gut sein kann, dass gerade deswegen „gefühlt“ nichts los war!

Aber daraus kriegt man ja auch keine Retrowelle gebacken. Was sollte man denn da auch machen: Zum Beispiel 2001: Das ist jetzt 10 Jahre her und davon, was sich Generationen um Generationen von Menschen für das Jahr 2001 erwartet hatten, ist ja nun wirklich gar nichts eingetreten: Nicht ein Auto ist geflogen, nicht ein Fuss war auf dem Mars, geschweige denn in fernen Galaxien. Auch nicht ein verdammtes Alien ließ sich blicken, die Schwarzen sind immer noch wie die armen Weißen – nur besser, und Frauen sind immer noch in allen Belangen überlegen, aber machen nichts und wieder nichts daraus, weil sie immer noch soviel Angst vor der brutalen Dummheit der Männer haben wie Justus in der zehnten Klasse vor den Junkieräubern, die es damals am Sielwall noch gab.

Weder Mann noch Frau will länger irgend etwas mit der Küche zu tun haben – da fragt man sich doch, wo der Ort denn nun eigentlich genau ist, wo jeder sein eigenes Süppchen kocht!

Und wenn Mensch sich vorstellt, dass all diese Dinge schon zehn Jahre her sind, dann kann man ja von sich und seiner eigenen Generation nur schwer enttäuscht und gelangweilt sein!

Aber Hauptsache – und sehr, sehr schön: Dieses Gefühl, wie eine coole Hose zu sein!

Wie das Jahr für Justus war, der auf der Fensterbank vor dem „Coffee Corner“ sitzt? Nicht gut. Nicht schlecht. Nicht ganz langweilig. Nicht ganz spannend. Nicht ganz müde. Nicht ganz prickelnd.

Halt so wie eine Lieblingshose, und so ähnlich trägt Justus sein Leben ja auch!

Vor ihm steht die Steffi und denkt sich: Toll, dass ich dieses Jahr so gar nichts zu Weihnachten bekommen habe, weil: Die Leute, die ich lange genug kenne, dass sie das Gefühl haben, sie müssten mir was schenken, die haben ja gar keine Ahnung, wie ich jetzt wirklich bin – und das Gute ist, dass ich nicht so tun muss, als würde mir das gefallen, was sie mir schenken!

Das ist natürlich angenehm – und tatsächlich fühlt sich auch Steffi wie ihre Hosen: Die liegen fest am Körper an und überall sind Linien und Täschchen und Nieten und kleine Glitzersteinchen aufgenäht und über den Hintern geht eine extra Linie, die sich wie ein Bogen von Backe zu Backe schlängelt und das Gesäß optisch anheben soll. „Optik: boom!“, hat der Verkäufer dazu gesagt!

Ansprechend sieht die Hose ja aus – anders als eine Jogginghose natürlich, anders als eine verrottete Jeans und ganz, ganz, ganz bestimmt auch anders als die Hosen aus Goretex, die man so an der Wade mit einem Reißverschluss aufmachen kann, damit es dann eine Dreiviertelhose ist. Und die noch einen weiteren Reißverschluß knapp über dem Knie haben, um das Hosenbein auch dort noch mal abnehmen zu können, falls es noch wärmer wird. Und: „Alter!“ – da sind sich Justus und Steffi sehr einig: Wie Scheiße kann man denn aussehen wollen!

Viel haben Steffi und Justus ja nicht gemein, aber sehr, sehr sicher sind sie sich dabei, dass, wenn jemand in der Gesellschaft ernst genommen werden will, er sich auch so anziehen soll. Das hat ja auch etwas mit der Höflichkeit zu tun, dem Gegenüber überhaupt die Chance zu geben, ihn oder sie zu mögen.

Jemanden aus Jogginghose, Ballonseidenjacke und bescheuerten Ich-bin-ich!-Na-und,-du-Chauvie!-Haaren heraus zu überzeugen, dass man gesellschaftlich ernstzunehmen sei, ist, wie jemanden zu einem Kuss überreden zu wollen, während man auf Scheiße kaut und sich denkt: „Na ja, muss ja nicht jedem schmecken!“

Aber bei der Hose, die Steffi anhat, da ist das okay. Die ist außen aus dem gleichen Stoff wie innen. So wie Steffi selbst. Das ist eine ganz ehrliche Hose!

Wenn sie da so steht und sich Justus anschaut und so an das Jahr denkt, dann denkt sie sich manchmal schon: „Es könnte besser sein! Aber es könnte auch schlechter sein!“ – das denkt sie sich auch. „Ich könnte mehr haben!“, denkt sie sich. „Aber ich könnte auch weniger haben. Und ich könnte schöner sein!“, denkt sie sich. „Ich könnte aber auch hässlicher sein!“ Und das, das reicht eigentlich schon.

Sie schaut Justus an und denkt sich: Ich glaube, mir geht es besser als Justus, denn der Justus, der war schon in Tenever früher immer irgendwie anders, so ein bißchen, dass man ihn nicht verstehen konnte –  und Geld hat der auch nie gehabt. Das ist schon so!“ Und dann denkt sich Steffi: „Ich hab‘ doch ein bißchen Geld!“ – und versucht, Justus sechzig Euro zu geben. Aber da sagt Justus nur: „Ich brauch‘ Dein Geld nicht!“ – und steckt das Geld ein und denkt sich: „Geil, sechzig Euro! – ich muss im Leben nie mehr arbeiten gehen – vorausgesetzt, ich sterbe am Samstag!“

Steffi muss daran denken, wie früher einmal das Blutspendemobil zu ihrem und Justus‘ Hochhausblock gefahren kam, damit alle da ihr Blut spenden konnten. Da ist der Justus auch runtergekommen, und dann haben die gefragt: „Wollen sie Blut spenden?“ Und da hat der Justus gesagt: „Ja, das möchte ich – bitte geben sie mir einen Eimer und eine Pistole!“

Ein bisschen ist Steffi kalt, aber das ist nicht so schlimm. Wo Maik wohl steckt, das fragt sie sich.

MAIK

Maik schiebt sich gerade den Sielwall hinunter. Langsam. Vorsichtig. Keine Eile, das muss nicht sein. Nicht entdeckt zu werden, das ist das Entscheidende – durchkommen! Es geht hier nicht um Action, es geht hier nicht darum, der Beste und Männlichste und Härteste zu sein, das ist nicht entscheidend!

Es geht darum, einen Auftrag auszuführen. Es geht darum, klar zu zeigen, welchem Herrn man dient, zu zeigen, was man zum Wohle Aller leisten kann. Auch in der Armee ist jeder nur so stark wie das schwächste Glied seiner Kompanie. Und es geht nur so. Es geht darum, nicht das schwächste Glied der Kette zu sein. So muss es sein, denn, wenn jeder versucht, der Beste zu sein, dann ist es ein Heer von Egoisten – und das schwächt den Kampfverband mit der Zeit. Wichtig ist, das jeder weiß: Er darf nicht der Schlechteste sein. Das hat den gleichen Effekt, aber untergräbt nicht die Moral der Einheit. Und Moral, das ist im Krieg das Wichtigste!

Das Interessante an der Kriegskunst ist ja immer, dass sie nur deswegen die Kriegskunst ist, weil sie sich auf den Krieg bezieht. Jedoch ist es gut möglich, auch alltägliche Probleme oder Aufgaben ebenso anzugehen.

Strategie, Plan, Durchsetzungskraft, Koordination, Disziplin, Logistik, Mut, Stärke, Kommunikation: Das ist gefragt – sowohl im Krieg als auch – wie jetzt gerade bei Maik – für die Beschaffung von Nahrung bei einem Ausländer an der Kreuzung Sielwall/vor dem Steintor.

Heute wird nicht im Team operiert: Maik ist hier alleine. Er trägt schwarze Tarnkleidung, auf deren Brust er Graffiti-Schrift, ein sogenanntes Tag, aufgebracht hat, um sich vor den Häusern tarnen zu können. Dort steht „Fishbone“ geschrieben. Er schiebt sich an den Häusern entlang, Haus für Haus, und den Graffitiwritern fällt schon auf, dass irgendein Idiot tatsächlich angefangen hat, „Fishbone“ zu taggen. Tja, ein Wahnsinns-Stylewriter, dass ist er nicht so, der Maik – aber Tarnen geht gut!

Er trägt einen Hut, der aussieht wie zwanzig Backsteine, das Fishbone-Shirt, das aussieht wie ein Altbremer Fenstersims, und eine Hose, die einem Hauseingang mit Katzentür zum Verwechseln ähnlich sieht.

So angezogen schleicht Maik den Sielwall herunter, am Körnerwall vorbei durch die Dunkelheit, an der Bernhardtstraße mit der „Lila Eule“ vorbei. Er schleicht um die Ecke, an der „das Eisen“ ist, und kippt vor Schreck um, als ihm irgend jemand aus dem Fenster ins Gesicht schreit: „GROSSE BIER – EISKALT – EINSFÜNFZIG!“

Darauf hin geht Maik in den Laden und kauft sich ein Rollo „KIKERIKI“ – das ist immerhin hier erfunden worden. Und ein bißchen kann man den großen Erfindungen Bremens, nämlich: Hubschrauber, Knigge, Pümpel und Rollo schon Respekt zollen. Lecker!

Da sieht er Steffi auf der anderen Seite sitzen.

Emma.

Emma tritt aus der Haustür und sieht einen jungen Mann, welcher reichlich architektonisch angezogen am Haus gegenüber vorbeischleicht. Sie trägt ein Notizbuch unter dem Arm und schlägt langsam den Weg zur Kreuzung ein. Dort sitzt Justus, den sie noch aus dem Krankenhaus kennt, als diese Sache mit der Nadel und dem Mord war. Davor steht diese Steffi, die Emma noch aus Tenever kennt. Von hinten nähert sich der Typ, den man „die Mauer“ nennen könnte, aber auch „der Idiot“: Das war der Name, den früher immer alle für Maik benutzt haben – damals in der Hochhaussiedlung.

Maik geht an Emma vorbei zum „Coffee-Corner“ und setzt sich auf die Fensterbank – beziehungsweise versucht es, rutscht aber wegen seiner viereckigen Hosenverkleidung ab und landet auf dem Boden.

„Idiot!“, denkt sich Emma.

„Idiot!“, denkt sich Justus.

„Idiot!“, denkt sich Maik

„Süß!“, denkt sich Steffi.

Aus der Entfernung sieht Emma die vier Typen, die sie von weit früher kennt. Sie denkt sich: Nun gut, ich versuch’s mal, ich muß ja alle Gesellschaftsschichten erreichen!“. Sie überquert die Straße und setzt sich auf den Boden. Vor ihr sitzen Steffi und Justus, neben ihr kommt Maik zum Sitzen.

Emma:

„Folgendes: Ich werde euch jetzt eine Geschichte vorlesen. Ich will keine dummen Kommentare oder Witze hören. Ich will keine Sprüche hören, weil Euch die Atmosphäre zu intim wird oder weil Ihr nicht erwachsen genug seid, damit umzugehen, wenn Euch etwas berührt. Macht das mit Euch selbst aus. Ich hab‘ mir Mühe gegeben, das hier aufzuschreiben. Also solltet ihr Euch Mühe geben, Euch das hier anzuhören. Es ist nicht lang.

XXX oder Liebste Elsa.

Warum ich den größten Teil meiner Kindheit im Schoße und in der Wohnung meiner Großmutter Emma statt bei meinen leiblichen Eltern verbrachte, weiß ich nicht.
Nach einer Weile, die ich bei ihr wohnte, vergaß ich meine Eltern fast, und ich denke bis heute, dass ich sie nie kennen gelernt habe.
Großmutter Emma sprach nie viel – sie war ein praktischer Mensch, wie schon ihr Äußeres verriet. Wenn ich mich zurück erinnere, denke ich zuerst an ihre großen weichen Hände und an ihren Busen, den sie vor sich her schob durch ihre kleine Wohnung im Bremer Stadtteil Sebaldsbrück.
Mit dem Stolz einer Überlebenden fuhrwerkte sie durch jedes Zimmer. Sie hielt sogar die kleinste, schattigste Ecke eines jeden Zimmers so sauber, dass nicht damit zu rechnen gewesen wäre, dass sich jemals Leben in dieser Wohnung befunden hatte.
Zu den zwei Zimmern und dem Flur, die meine Großmutter einst mit ihrem Ehemann bewohnt hatte, mietete sie den Dachboden hinzu, um mir ein Zimmer einzurichten.
Sie schlug den alten Spitzboden, das „alte Versteck“, wie sie ihn immer nannte, mit groben Militärdecken aus, schaffte eine kleine Matratze hinauf und lies mich bei sich wohnen, nicht ohne mir zu untersagen, die kleinen Kisten, welche ebenso wie ich auf dem Speicher verstaut waren, jemals zu berühren.

Mir ging es wie vielen anderen Kindern, die sich in der Kleinheit einer Höhle wohlfühlen: Ich genoß es, mich unter dem riesigen Berg Decken zu verstecken, bis nur noch mein Kopf herausschaute, und liebte es, in den alten, verbotenen Truhen zu wühlen, die auf dem Speicher neben meiner Matratze standen. Es schien eine Tradition meiner Familie zu sein, nach dem Tod eines Angehörigen eine kleine Truhe zu packen – eine Truhe, in die jeder Hinterbliebene ein kleines Erinnerungsstück legte. Etwas, das ihn mit  dem oder der Verblichenen verband: Ein Foto, einen Ring, einen Brief, das liebste Hemd, sogar alte, abgetragene Schuhe. Heimlich schöne, für andere nicht zu verstehende Erinnerungen.
Nicht größer als Schuhkartons waren diese Kisten. Fein säuberlich gestapelt und in Leinen gewickelt standen sie neben meinem Bett, und oft schaute ich sie mir bei Kerzenschein heimlich und leise an, um meine Großmutter Glauben zu machen, ich würde schlafen. Dann räumte ich alles genauso zurück, wie ich es vorgefunden hatte.
Zu fast jedem Stück erfand ich eine Geschichte, und nach einer Zeit wollte ich von den echten Geschichten, die sich hinter den Kisten verbargen, schon gar nichts mehr wissen.
Nur bei einer dieser Kisten, es war diejenige meines Großvaters, der einst hier gewohnt hatte, wollte mir nichts einfallen. Nicht die kleinste Geschichte.
Sie war die letzte KIste, die ich öffnete, und alles, das sich darin befand, war ein alter, vergilbter Stofffetzen, auf den in Rot drei X gekreuzt waren. Das Stück war in ein größeres Tuch eingewickelt, behutsam gefaltet und mit einem rauhen Faden verschnürt. Ich legte den Fetzen zurück und gab mich dem Gedanken hin, dass es wohl keine besondere Erinnerung war, die dort verstaut worden war, sondern eher das einzige, das von meinem Großvater nach seiner Verschleppung nach Buchenwald noch geblieben war.

Ich sprach nicht viel mit Großmutter und ihr Tod war so unaufregend und ohne Umschweife, wie sie ihr Leben gelebt hatte. Ich fand sie eines Morgens wie schlafend in ihrem Bett. Ihr Gesicht war nicht zufrieden oder glücklich, und ich konnte in ihren Augen sehen, dass ihre letzten Gedanken wohl den Worten entsprachen, die sie jeden Tag wiederholte:
„Es ist, wie es ist.“
Sie sprach die S-Laute immer scharf aus: „S is, wies is!“.

Als ich die Decke zurückschlug, fiel mein Blick auf ihre Hand, und ich sah das Stück Stoff aus der Kiste meines Großvaters. Sie musste es nachts heimlich, während ich schlief, aus der Kiste auf meinem Dachboden geholt haben.
Großmutter hatte es aufgefaltet, um ihre Finger gewickelt und die Hand unter ihre Wange geschoben, so dass das Tuch ganz nah unter ihrer Nase lag.
Das ist mein letztes Bild von ihr. Ich habe es nie geschafft, ihr eine Kiste zu machen.

Jahre späer, als erwachsene Frau, erfuhr ich von einem Ritual der jüdischen Gefangenen in den deutschen Konzentrationslagern: Aus alten Betttüchern wurden nachts kleine Stücke herausgerissen, mit drei Kreuzen gekennzeichnet und über Nacht am Körper versteckt.
Da jedes Gespräch und jeder Schrieb zwischen Mann und Frau untersagt und alles Geschriebene konfisziert wurde, waren es nur diese drei Kreuze, Kreuze ohne Unterschrift und ohne Namen, die auf den Wäschefahrten aus den Lagern herausgeschafft werden konnten.
Der Geruch, den der Stoff, über die Nächte nah am Körper getragen, aufgenommen hatte, war das einzige unverfälschte Lebenszeichen, das den im Untergrund Lebenden außerhalb des Lagers überbracht werden konnte.
Diese drei Kreuze, meist mit drei Tropfen Blut geschrieben, standen für drei Worte, die in dieser Zeit niemand zu sprechen wagte.

Erst Jahre später, beim Umbau des Hinterhofes des  Gerichtsgebäudes an der Domsheide, fanden Bauarbeiter eine kleine Metallkiste, angefüllt mit Briefen und Notizen, versteckt unter einem losen Pflasterstein hinten im Hof, wo sie heute immer den „Tatort“ drehen.
Diese Briefe leben erst jetzt, 75 Jahre später, wieder auf.
Unter ihnen ein Brief des zweiten Mannes meiner Urgroßmutter. Er liegt heute mit in seiner Truhe auf meinem Dachboden.

‚Liebste Elsa,

ich hoffe dieser Brief erreicht Dich, denn wir dürfen nicht schreiben.
Wenn Du nicht alles lesen kannst, liegt das daran, dass uns Stift und Papier untersagt sind. Ich schreibe Dir dies mit einer stumpfen Gabel und schwarzer Schuhwichse, die ich von meinem Arbeitseinsatz zum Reinigen der Soldatenstiefel entwendet habe.
Es ist kalt hier in der Zelle, die letzten meiner Mithäftlinge sind fort – wohin, das weiß ich nicht. Der Versuch, es mir vorzustellen, macht mich zittern. Es war bis gestern jeden Tag das gleiche Prozedere, jeden Morgen holten sie einen von uns.
Sie begannen am Ende meines Korridors, und ich hörte das Wimmern und Schreien meiner Mitgefangenen.
Tag für Tag höre ich die Stiefel über den Korridor stapfen und das metallene Kreischen beim Aufreißen der schweren, stahlbeschlagenen Türen und das Schreien eines unserer Namen.
Kurze Zeit später dumpfe Schläge und das Schleifen nackter Füße und nackter Haut auf dem rauh verputzten Flur.
Auf diesem Flur gibt es acht Zellen, in denen 10 Menschen sind.
Sie werden jeden Tag weniger.
Jeden Tag werden es weniger, es wird immer stiller im Gang.
Seit ich hier bin, seit wir uns das letzte Mal sahen.

Das letzte Mal, als wir zusammen beim Arzt saßen, in der Schlange warteten, obwohl wir gar nicht krank waren. Wie sie Dich fortsandten. Und ich erst einige Tage später zu Dir heimkehrte.
Ich weiß, dass Du geweint hast. Und es ist mein größtes Unglück, Dir nie gesagt zu haben, warum ich nicht ganz bei Dir sein konnte, obwohl ich bei Dir war.
Sie haben mir alles genommen.
Weißt du noch, als wir am Weserwehr saßen? Als ich Dich gefragt habe, ob wir heiraten wollen?
Wie wir über die Zukunft sprachen – ich mir ein Haus und du Dir Kinder wünschtest?
Wie wir hofften, dass unsere Kinder werden wie wir.
Ganz so wie wir, nur dass sie hören könnten!
Wir haben gelacht.
Das war ein guter Tag.
Mach Dir keine Sorgen. Ich bin bei Dir.
Wir werden keine Kinder haben, denn ich kann keine Kinder mehr haben.
Sie haben mich operiert.
Die Ärzte haben sie uns genommen, noch bevor wir sie haben konnten.
Es ist uns heute verboten. Verboten, für die Zukunft zu leben.
Deswegen mein Schweigen, als ich heimkehrte. Ich kann Dich nicht verlieren. Doch ich habe keine Zukunft mehr. Nicht hier und nicht mit Dir. Ich werde sterben.
Hier oder dort.
Nichts von mir wird weiterleben.
Ein Haus kann nicht leben ohne Leben in ihm. Unser Haus, von dem ich nachts immer noch träume.
Ich habe Angst. Es ist einsam, so alleine hier. Einsam ohne Dich an meiner Seite. Ohne mich, der Dir nicht geben kann was du dir wünschst.
Ich kann es Dir jetzt sagen, da ich weiß, dass es wohl kein Morgen mehr gibt.
Ich hatte zuviel Angst und Du weißt: Reden war nie meine Stärke!
Erst in diesen Stunden finde ich den Mut, ehrlich zu Dir zu sein.
Die Schritte auf dem Korridor kommen näher. Jeden Tag.
Wir werden vor Gericht gebracht. Einer nach dem anderen, und ich wei゚ nicht mehr, ob es das Schlagen von Türen oder Gewehrschüsse sind, die ich nachts höre. Ich habe zuviel Angst, um an irgend etwas zu denken!
Und denke mir: Wozu Angst? Ich hatte alles, von dem ich geträumt hatte.
Ich hatte dich, Elsa. Und du hattest mich.
Versteck‘ dich.
Doch stirb nicht.
Nirgends lebe ich, außer in Dir.
Mein letzter Herzschlag wird bei Dir sein.
Wir sind zusammen. Das kann uns keiner nehmen.
In uns sind wir beieinander.
Für immer.

Da ist keine Hoffnung mehr. Kein Mut, dass es ein Morgen gibt.
Da ist nichts mehr, auf das ich vertraue. Außer auf Dich.
Sei brav und lieb, meine Elsa. Und lebe.

Ich kann Dir nicht sagen, ob und wann wir uns wiedersehen. Ich weiß nicht, wohin sie uns alle bringen.
Es kommt keiner zurück!‘

Was meine Großmutter meinem Großvater verschwiegen hatte, war, dass sie längst im dritten Monat schwanger war.
Mein Großvater würde weiterleben.
Schließlich sitze ich heut‘ hier.“

Maik guckt. Steffi guckt. Justus guckt. Emma guckt.

Justus sagt: Danke!“

Im Kalten. Am Eck. Es fängt an zu regnen. Da setzen alle ihre Kapuzen auf und sagen nichts.

Heute ist heute, morgen ist morgen, und was unsere Vier nächste Woche tun, das wisst weder Ihr noch ich!

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