Bomben auf Utopia Tag 4

Tag 4 (22.12.2011)

STEFFI SEIN IHR GROSSER TAG


Wir sind im Viertel, irgendwo zwischen „Corona“ – das sind die mit den leckeren Pizzabrötchen – und der Sielwallkreuzung, das ist da, wo es keine richtigen Junkies mehr gibt.

Ein bisschen Schnee ist gefallen. Wie in den Wochen zuvor schon Emma und Maik und Justus, ist auch Steffi auf dem Weg in Richtung Eck.

Leise – und das ist komisch, wenn man durchs Viertel geht, leise klingt alles, wenn es geschneit hat, und geschneit hatte es – für Bremer Verhältnisse auf jeden Fall, was meistens bedeutet, dass es toll schneit, wenn man nach oben in den schwarzen Himmel schaut, aber sehr schlecht aussieht, wenn man auf den Boden blickt.

Seltsamer Weise hat Schnee für das Innere des Kopfes genau den gleichen Effekt wie für das Äußere, denn irgendwie wirkt alles ein wenig gedämpft und ein wenig wattierter, die grellen Gedanken, die einem sonst nächtens durch die Birne ballern, werden aufgefangen und prallen nicht wie sonst an der einen Schädelseite ab und machen nicht irgendwas Schönes kaputt.

Kurze Gedanken, keine langen Gedankenstränge, eine Empfindung, ein dazugehöriger Gedanke und weiter geht es. Geguckt, gedacht, gerochen, gedacht, gehört, gedacht.

Schnee geguckt: „Das jetzt aber ein bisschen kalt!“

Schlechtes gerochen: „Das jetzt aber’n bisschen ekelig!“

Nichts gehört: „Das jetzt aber’n bisschen langweilig!“

So in etwa bewegt sich Steffi durch die Stadt. Weil sie immer hochhackige Schuhe anhaben muss, weil sie kleiner ist als ok, legt sie sich immer, fast immer auf die Schnauze und denkt sich die ganze Zeit: „Hoffentlich leg’ ich mich nicht auf die Schnauze!“

„Der Boden is´n bisschen hart. Ein Glück – is´n bisschen Schnee, da is der Boden nicht ganz so hart, aber is ja nur’n bisschen Schnee, da ist der Boden immer noch’n bisschen hart, nich so hart wie wenn er nich so hart wäre, aber halt immer noch’n bisschen doll hart – also:  Bloß nicht auf die Fresse legen, weil der Boden, der ist doch’n bisschen hart!“

So stapft die Steffi durchs Bremer Viertel. Und wenn einer ihr hinterher gehen würde, dann müsste er sagen: Na ja, also, ganz ehrlich gesagt – und im Endeffekt, da muss ich leider bitte gestehen, also, ganz ehrlich und kein‘ Scheiß: Ich glaub‘, da geht die Geschichte von der Steffi in etwa so:

Zuhause in Tenever, da war das alles irgendwie ein bisschen anders, gar nicht ganz anders, weil, weit weg ist das ja auch alles nicht, das ist ja immer noch das alte Bremen, das alle immer nur als das alte Bremen kennen, denn ein neues Bremen, das gibt es ja vom Wort her schon einmal gar nicht, denn ein bisschen – auch wenn es immer einmal wieder aufglüht -, da ist dieses Bremen dann doch eine sterbende Stadt oder vielleicht sollte man besser sagen:

Diese Stadt ist ein Strohwitwer.

Früher, da gab es in Bremen-Tenever immer Bombenalarm.

Da saß Steffi im Zimmer, und es hat an die Tür gebollert. Da wollte jemand, dass sie rauskommt, und hat etwas von einer Bombe erzählt und hat gesagt, dass alle evakuiert werden müssten, aber Rainer, Steffis Vater, der hat immer geschlafen, wegen Suff, und nichts gehört, und Steffi hat nicht mit Fremden geredet wegen – na ja: „Fremde“.

„Das ist jetzt aber schon so ein bisschen gefährlich!“.

Auf jeden Fall – eine Stunde später, da ist Steffi dann doch mal kurz in das Treppenhaus von ihrem Hochhaus gegangen und hat geguckt. Und zuerst hat sie gar nichts bemerkt, aber dann, dann hat sie doch gemerkt, dass da sonst niemand war: Niemand ist rumgelaufen, niemand hat rumgeschrien oder sich gehauen – niemand war da, weil alle anderen evakuiert waren.

Da hätte Steffi eigentlich Angst bekommen müssen, aber ganz anders herum war es: Da war gar keine Angst, das war ganz angenehm.

Ohne die Menschen – das war so ein Gefühl, dass sie schon okay war:  Kein Problem! Keine Erwartungshaltungen mehr, weil keine Menschen mehr, die von ihr erwarteten, so oder so zu sein. Da war Steffi okay. Kannte sie so gar nicht!

Heute, wenn man noch in Bremen wohnt, dann geht es einem meistens ganz ähnlich: Alle sind sie weg – und erst fragt man sich noch, wo sie denn sind, was sie so tun, warum sie weg gegangen sind, was man wohl falsch gemacht hat, was man hätte tun können, damit sie da bleiben, wie man ihnen denn besser hätte gefallen können.

Und dann, wenn die mit den tollen Meinungen und den besseren Einstellungen und den grösseren Talenten die Stadt verlassen haben, dann fällt einem auf, dass da auch eine Menge Druck die Stadt verlässt, um den Druck in den Schmelztiegeln der Großstädte noch zu vergrössern – aber hier, in Bremen, da erfüllt das Gehen der Menschen eigentlich den Traum von der Drucklosigkeit. Das ist ganz toll, nicht mehr jeden Tag mit denen konfrontiert zu sein, die im eigenen Feld, im eigenen Lebensweg, in dem, was man so tut und ist, einem überlegen sind.

Nicht nur in der Kunst. Witzigerweise sind ja sogar Erzieher, Maurermeister und Landschaftsgärtner der Meinung, einer überlegenen Spezies anzugehören, sobald sie einen Drittwohnsitz in Berlin anmelden.

Aber letztendlich, wenn ein Mensch, den man kennt, die Stadt verlässt, letztendlich ist es ein Gefühl, wie wenn jemand mit einem Schluss macht, zumal ja dann doch jeder der Meinung ist, dass er sinnbildlich für die Stadt, aus der er kommt, geradestehen müsste.

Wie wenn man verlassen wird, denn wer verlassen wird, sucht ja den Fehler auch bei sich selbst, obwohl vielleicht für den anderen die Zeit einfach reif für etwas Neues war. Da ist die Suche nach dem eigenen Fehler auch oft der verzweifelte Versuch, sich nicht ganz besiegt zu fühlen, der Versuch, dass man wenigstens noch ein wenig Macht in dieser Beziehung in Händen hält.

Aber wer ist schon frei von der sinngebenden Idee, dass alles mit einem selbst zusammenhängen würde.

Das ist ja auch eine Chance, nach dieser Trennung nicht komplett entmächtigt weiterleben zu müssen.

„Ist schon seltsam, dieses Bremen!“, denkt sich der Typ, der Steffi die Strasse hinunter durch den Schnee von Bremen folgt, „Seltsam ist das mit der Stadt Bremen!“

Alle sind sie weg. Und irgendwie, ohne alle, die gegangen sind, gibt uns diese Stadt das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Es gibt keine andere Stadt dieser Grösse und dieser Art, mit dieser Geschichte und diesem Angebot, aus dem die Menschen so schnell verschwinden, wie sie können. Nirgends ist die Migration höher als in Bremen, und trotzdem sind sie nirgends so stolz auf ihre Herkunft – und springen jedem innerlich ins Gesicht, der über Bremen urteilt!

Diese Stadt, sie gibt uns ein besonderes Gefühl, das auch jeder auf Heimaturlaub verspürt!

„Bitte geh‘ nicht nach Berlin!“, ruft man ihnen im ersten Moment noch hinterher, aber der Ruf verschallt schnell irgendwo über den deutschen Weiten zwischen Niedersachsen und Brandenburg, denn bei einer Sache, da sind sich ja alle, die hiergeblieben sind sicher, bei einer Sache hat man immer recht:

Die kommen wieder!

Spätestens zu Weihnachten, um die neuen Pullover vor der Capri-Bar zu vergleichen. Die kommen alle wieder, oft hat das ja immer den gleichen Grund!

Die meisten gingen in die anderen, die grossen Städte, weil sie glaubten, sie fänden mit den Dingen, die sie vorhatten, hier niemanden, der ihnen weiterhelfen wollte, aufgrund von Ignoranz und provinzieller Kurzsichtigkeit; ihre Pläne oder ihr Können wären zu groß, um vom kleinen Geiste der kleinen Stadt verstanden werden zu können.

Man hätte ihnen die Wahrheit sagen können. Doch die Künstler und die Kreativen zu beleidigen, wie unfair wäre das, ihrem meist eh schon schwachen Geist noch den letzten Schupps zum Umstürzen zu geben? Jedoch, vielleicht wäre es oft in ihrem Sinn gewesen, ihnen zu sagen, dass es nie daran lag, dass hier keiner wäre, der sie verstanden hätte.

Meist war es nicht die Qualität des Empfängers, sondern meist war es die Qualität des Senders!

Du bist nicht tiefgründig.

Du bist nicht intellektuell.

Du bist kein Künstler.

Du bist kein Kritiker

Du bist kein Poet.

Du bist nur ein Typ mit einem Internetanschluss, einem Macintosh-Computer und einer engen lila Hose.

Und wenn von der Anonymität der Großstadt gesprochen wird und den Menschen, die sie geniessen, besteht der Genuss ja meist darin, dass niemand einen so gut kennt, dass seine Kritik an der eigenen Person ernsthaft verletzend sein könnte.

Vielleicht hätte ihnen jemand sagen sollen, dass sie für die grosse Stadt nie genug Talent gehabt hatten, und wie dumm die Idee wäre, dorthin zu gehen, wo alle hingehen, auch die, die etwas tun, weil es ihnen wichtig ist, und nicht nur, weil heutzutage jeder alles kann und deswegen das tut, was am coolsten ist.

Vielleicht nicht so klug, dorthin zu gehen, wo es so viele fähige Menschen gibt, dass sie für immer ein lächerliches Anhängsel aus der Provinz bleiben werden!

Nicht so schlimm wie die Schwaben, aber immer noch die, die gerne etwas Besseres sein wollten, als der Sumpf, aus dem sie sich erhoben haben.

„Dagegen, etwas Besseres sein zu wollen, dagegen kann eigentlich keiner etwas sagen“ , denkt sich der Typ, der immer noch hinter Steffi herläuft und sich anschaut, wie sie immer fast hinfällt mit ihren doofen Schuhen.

Man kann schon in die grosse Stadt ziehen, nur beginnt so eine Geschichte normalerweise damit, dass ein Mensch eingeladen wird, Dinge im neuen Zuhause zu verbessern. Er wird gefragt, er fragt nicht selbst. Er lädt sich nicht selbst ein. Er wird erwartet.

Die Idee, aus eigenem Antrieb dorthin zu gehen, um sein Glück zu machen, dem Gedanken, dass die Stadt auf einen gewartet hätte: Ein Quatsch und so arrogant! Und wäre es noch erlaubt, die Ureinwohner würden sie aus ihrer Stadt jagen.

Wenn es sich einer genau besieht: Tatsächlich betreiben deutsche Städte Kolonialismus in Berlin. Berlin müsste eigentlich mal wieder seine Unabhängigkeit erklären. Die elterlichen Überweisungen mit der Luftbrücke zu vergleichen, ginge vielleicht zu weit, aber eigentlich auch nicht.

So aber fristen sie ihr dummes Dasein in einer von ihnen dumm gemachten Stadt. Sie berauben die Städte ihrer Identität, und es wäre nur fair gewesen, ihnen vorzuschlagen, dass für sie, wenn in einer kleinen Stadt nichts geht, in einer grossen noch viel, viel weniger gehen wird. Das sei nur nicht so schnell zu bemerken, weil in erster Linie geht da ja nicht mehr, es ist nur leichter, sich abzulenken. Denn zu Haus, da waren sie wenigsten geliebt, und, um Schmerz und Peinlichkeiten zu ersparen, wurden sie wenigstens ignoriert.

Problematisch ist ja, dass die Bevölkerung – beispielsweise Berlins, besonders in den Szenebezirken – zum grössten Teilen aus den coolsten Typen der deutschen Dorf-Abiklasse besteht.

Aus den Coolsten von Norderstedt, Castrop-Rauxel, Niederfeldbach, Feldkirch, Stade und Laboe – und halt Bremen.

„Bitte, geh‘ doch nach Berlin!“, möchte man oft rufen. „Bitte, Du hältst uns hier nur auf, mit deinem Dummfug, ernsthaft! Schau nach unten! Deine Hose! LILA! Und sie sieht aus wie eine Karotte!“

(Pause)

Fair wäre es gewesen, ihnen zu verraten, was mit ihnen geschehen würde, denn so wären sich nicht gezwungen, zu Weihnachten in den Viertelkneipen ihrer Jugend in Bremen etwas von Projekten zu faseln, und mit „Projekt“ ihren Besuch beim Arbeitsamt zu meinen.

Und schön zu sehen ja auch:

Die, die dachten: „Ich geh nach Berlin, Köln oder München, vielleicht Hamburg, London, Stockholm oder New York – dort werd‘ ich groß, ich hab’s verdient!“: Sie kamen aus gutem Hause, mit Eltern mit Eigentumshäusern, die sie einst erben werden. Dann sitzen sie in ihren Häusern. Waren sich immer etwas zu gut, um mit den Freunden von früher noch zu sprechen – sitzen allein in ihren Häusern und trauern mit sechzig wie mit sechzehn, dass keiner sie mag. Grunge will be alive!

Vielleicht ist das alles nur Neid, denn auch für Städte gilt dasselbe wie für Menschen: Nie bemerkst du, wie sehr du jemanden wirklich magst, bis zu dem Moment, in dem er beginnt, jemand anderen zu mögen.

Nun müsste jemand, der gegangen ist, zu Wort kommen und sagen:

„Naja, Stadt, jetzt mach‘ Dich mal nicht so wichtig, denn so wichtig bist Du nicht – richtiger noch: Du bist immer noch wichtig, aber das solltest Du wissen: Ich kann Dir nicht mehr jeden Tag sagen, dass ich Dich liebe, denn das ist keine feurige Liebe mehr, die wir geführt haben.

Es war immer noch sehr schön und ich habe mich wohl gefühlt. Wirklich wohl gefühlt, aber: Ich hatte immer Angst, etwas zu versäumen, die Routine, ich fand sie gar nicht schlecht, daran lag es gar nicht – eigentlich mögen die Menschen Routinen, aber ich weiß sie noch nicht zu schätzen. Ich bin viel zu jung, um sie wirklich ohne Zweifel an mein Herz zu lassen.

Ich bin noch nicht so weit, zu etwas für immer ja zu sagen!

Ich werde Dich für immer lieben, kleine, liebe Stadt Bremen. Tatsächlich stimmt das immer noch, aber es ist nicht die Gigantenliebe, die größte Liebesgeschichte aller Zeiten, wie etwa eine Liebe zu New York, eine Liebe zu Amsterdam, London, Tokyo oder eben Berlin. Es ist mehr ein „Ich hab dich lieb“ geworden. Und ich glaube, das ist für uns beide sicherer als dieses ewige Auf und Ab der Gefühle.

Bitte, Bremen: Wir sind doch keine Teenager mehr!

Es ist mehr diese eine erste Liebe, von der man weiß, dass sie immer da ist.

Man liebt nur einmal, und alle späteren Lieben: Sie sind nur der Versuch, wieder so zu lieben, wie man es sich als Dreizehnjährige erträumt hat.

Bremen, Du bist kein strahlender Ritter hoch zu weißem Rosse!

Und das weißst Du auch.

Und der Roland: Er ist nur ein billiger Versuch, es zu sein!

Aber sei Dir sicher, wenn es mir richtig schlecht geht, dann steh ich bei Dir auf der Matte, dann brauch ich Dich und Deine ganze Besatzung.

Wenn ich mich verlaufen habe, irgendwo, wo keiner mir sagt, was ich zu tun habe, dann weiß ich plötzlich wieder, wo der Ausgang ist, und alle Ausgänge, alle Auswege führen zu Dir. Manchmal, wenn’s Probleme gibt, merk‘ ich es erst, wenn ich schon im Zug sitze.

Nimm mir das nicht übel. Du bist für immer da. Und das weiß ich. Und ich hoffe, das ist in Ordnung für Dich. Denn wäre ich jetzt jeden Tag bei Dir, ich würde Dich nicht gut behandeln. Ich wäre kein guter Freund.

Noch nicht.

Ich will ganz viel von der Welt, ich erwarte mir ganz viel vom Leben.

Das ist eine Frage von viel, nicht von gut.

Ich will viel. Und du hast nur gut.

Du machst alles richtig – nur gerade noch nicht für mich!“

Und tatsächlich, wir haben alle Häuser und Besitz in Dir, auf Deinem Boden, aber es ist so wie mit den Eltern: Man kann nicht sein Leben lang bei ihnen wohnen. Aber wenn sie eines Tages sterben, dann ist man so lange traurig, wie man der Meinung war, es wäre nicht so wichtig, sie nahe bei sich zu haben.

„Das ist jetzt aber ein bisschen schlimm gesagt!“, dreht sich Steffi um und schaut dem Mann, der die ganze Zeit diese Sachen denkt, in die Augen.

„Hör mal auf, so schlimme Sachen zu denken. So schlimm ist das alles gar nicht. Geh‘ Du doch auch mal weg in eine andere Stadt!  Rennste hier den ganzen Tag nur so rum, und denkst dir so Deinen Teil. Das ist doch auch’n bisschen feige, oder nicht?“

„Was heißt denn hier ein bisschen feige? Überhaupt nicht feige ist das – das ist total okay! Das ist halt mein Leben, das solltest du nicht beurteilen. Ich kenne dich doch noch aus Tenever. Ich hab dich da doch schon einmal gesehen: Du bist diese Stefanie, von der früher der ganze Block geredet hat!

Scheinst es ja ein bisschen raus geschafft zu haben. Jetzt wohnste auch im Viertel, oder wie? Siehst ja ganz gut aus, gar nicht mehr so Tenever-mässig!“

„Ja, danke, du bist dieser Justus, nä? Ich trag‘ jetzt einfach Jeans statt Rock und wickel’ mir irgendwas Glitzerndes um den Hals und geh‘ auf Lesungen statt „Frauentausch“ zu gucken – da merken die hier NIE, dass ich nicht von hier komme!

Warte mal, ich muss noch Geld holen.“

So stehen die beiden vor der Sparkasse am Eck, mitten auf dem Pfennig, der in den Boden eingelassen ist, und wissen auch nicht, was sie jetzt tun sollen.

Außen/Vor der Sparkasse:

Das ist eine Sache, die müssen wir hier uns jetzt überlegen:  Wir, die dreißig Leute, die wir sind, stehen da jetzt rum mit Steffi und Justus, und die beiden haben eigentlich gerade nicht mehr viel zu bereden, aber, was sollen wir machen – wir gucken natürlich weiter hin, und Steffi und Justus sind so kulant, uns nicht spüren zu lassen, wie doof es ist, von dreißig Leuten mit Augen angeschaut zu werden, die sagen: Tut was, wir sind wegen euch hier!

Peinliches Schweigen zwischen uns und ihnen. Und nach einigen Sekunden, da fragt – ein Glück! – Justus Steffi, ob sie nicht ein Bier trinken wolle.

„Nee, lieber Sekt, oder nee, warte, da muss ich mich noch umstellen: Ich trinke irgend so ein Becks-Getränk, was so schmeckt wie Alkopop, aber nicht so schlimm ist!“

Die beiden gehen weiter, an den Kiosken vorbei und quer über die Strasse, um zu „Taco“ zu gehen, dorthin, wo man Bier kaufen sollte – warum auch immer.

Vor ihnen steht bei „Taco“ ein Pärchen und so ein Gespräch passiert:

„Eine Pizza!“

„Aber Schatz, Du isst doch gar nicht so gerne Pizza!“

„Doch doch, ich esse gerne Pizza“.

„Hab‘ ich aber noch nie gesehen, das Du Pizza isst!“

„Doch, doch, ich esse Pizza, ich ess‘ Pizza“.

„Aber früher doch nicht!“

„Doch, früher auch!“

„Nein!“

„Doch!“

„Früher hast Du nie Pizza gegessen. Ich hab Dich noch nie eine Pizza essen gesehen!“

„Früher war ich mit meinen Freunden hier, da haben wir eine Pizza nach der anderen gefressen. Die ganze Nacht, und uns war egal, wie heiß die Pizza war; oft haben wir noch den Pizzakartoon in Kerosin getränkt und angezündet, damit die Pizza noch heißer wird. Bis zu zweitausend Grad! Das hat die Zwillingstürme in New York zum Einsturz gebracht, aber meine Mundhöhle nicht! Hier guck mal, das ganze Maul, eine einzige Brandnarbe!“

„Nein!“

„Wie nein?“

„Hast du nicht!“

„Doch, hab’ ich. Ich schmeck’ schon seit ich 13 bin nichts mehr. Deswegen hab’ ich auch immer Angst, dass Du Gift in mein Essen tust!“

„Gift in Dein Essen? Das ist jetzt aber schon ein bisschen gemein! Du meinst, ich kann Dir einfach so Gift in Dein Essen tun?“

„Ja, das ist gar kein Problem. Deine Freundin ist doch Assistentin beim Selbstmorddoktor in der Schweiz. Die könnte Dir Gift besorgen, und Du könntest das in mein Essen tun. Ich würde nichts merken. Ich wäre einfach so tot, und ich hätte es nicht geschmeckt, und ich wäre nicht mal wütend auf Dich, weil ich ja nicht wüsste, dass Du das warst, weil ich das ja nicht geschmeckt habe, wegen dem Geschmack des Essens!“

„Echt?“

„Ja, echt. Das ginge. Das könntest Du machen“.

„Ich will Dich aber ja gar nicht unbedingt umbringen“.

„Bist Du da sicher? Ich wäre da nicht so sicher. Wär’ ich Du, ich wär‘ mir da nicht so sicher. Nur mal was zum nachdenken. Nä? Schatz? Nä?“

Die beiden setzen sich und erstarren in Schweigen – sie grüblerisch, er gut gelaunt.

„Ein Bier!“, sagt Justus.

„Und ein so’n Beck’s „blick cuttant“, oder wie das heißt!“, sagt Steffi.

„Wie geht’s?“, fragt Steffi.

„Gut!“, sagt Justus.

„Mir fehlt Emma!“

„Und mir fehlt Maik!“, sagt Steffi.

Dann ist es leise und im Radio läuft ein Lied:

„Ich hab‘ ein Schiff gesehen
in einer Winternacht.
Aus Silber war das Segel,
aus Gold der Mast gemacht.
Vielhundert Kerzen brannten,
ich sah den Steuermann.
Da wußt‘ ich, daß ich Weihnacht
zu Hause feiern kann.

St. Niklas war ein Seemann.
Er liebte Wind und Meer.
Und alle Jahr zur Winterzeit
fährt er Millionen Meilen weit
vom Land der Sterne her.

St. Niklas war ein Seemann,
wie kaum ein andrer war.
St. Niklas, schütze unser Boot
vor Klippen, Sturm und Feuersnot
und jeglicher Gefahr.

Es wehte vierzehn Tage,
wir fürchteten uns sehr.
Ich stand allein auf Wache,
da legte sich das Meer.
Ich hab‘ ein Schiff gesehen
und sah den Steuermann,
Da wußt‘ ich, dass ich Weihnacht
zu Hause feiern kann.

St. Niklas war ein Seemann.
Er liebte Wind und Meer.
Und alle Jahr zur Winterzeit
fährt er Millionen Meilen weit
vom Land der Sterne her.

St. Niklas war ein Seemann,
wie kaum ein andrer war.
St. Niklas, schütze unser Boot
vor Klippen, Sturm und Feuersnot
und jeglicher Gefahr“.

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